Tod eines großbürgerlichen Wohnhauses
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| Fassadenausschnitt des Gebäudes Friedrich-Ebert-Straße 81 |
Am 4. April 2006 begann in Leipzig der Abriss
eines der schönsten Wohnhäuser aus der Zeit des Historismus.
Mit unglaublicher Brutalität fraß sich der Greifarm des Abrissbaggers
in die Fassade eines der architektonisch wertvollsten Gebäude der
Stadt. Das Haus Friedrich-Ebert-Straße 81, das aufgrund der mit allerhand
Figuren reich dekorierten Fassade auch den Beinamen „Märchenhaus“ trug,
war eines der am aufwändigsten gestalteten Wohngebäude in Deutschland.
Warum ein so wertvolles Wohnhaus, das zwei Weltkriege und 40 Jahre DDR-Sozialismus überstand,
15 Jahre nach der Wiedervereinigung weichen musste, scheint zu diesem Zeitpunkt
noch niemand so genau sagen – geschweige denn begreifen – zu können.
Das
großbürgerliche Wohnhaus wurde zwischen 1900 und 1903 vom
Architekten Robert Rödig errichtet. Die jüdische Familie Fein,
die eine Pelzhandelsfirma besaß, erwarb das Gebäude 1921,
wurde aber bereits 18 Jahre später durch die damalige „Arisierung“ wieder
zwangsenteignet. Zu DDR-Zeiten und auch nach der Wiedervereinigung war
das Haus trotz erheblicher baulicher Mängel bewohnt.
Die Erben der
Familie Fein kämpften 9 Jahre lang, bis sie 1999 das
Gebäude
zurückbekamen. Warum die Rückübertragung so lange dauerte,
kann nur spekuliert werden. Fakt ist aber, dass die Stadt Leipzig in
den 1990er Jahren den Plan hatte, die Friedrich-Ebert-Straße zur
innerstädtischen Umgehungsstraße
auszubauen, wobei die „Ebert 81“ im Weg gestanden hätte. Die Straßenverbreiterungspläne
wurden von der Stadt aber wieder verworfen. Leider erst nachdem schon
im März
2000 das historisch wertvolle Gebäude „Friedrich-Ebert-Straße
16“,
die Wirkungsstätte der deutschlandweit anerkannten Frauenrechtlerin
Henriette Goldschmidt, diesen Plänen weichen musste.
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| Am 4. April 2005 begann der Abriss |
Als der Erbengemeinschaft das Haus wieder gehörte,
wollten sie es so schnell wie möglich an Dritte veräußern.
Interessenten gab es genug, jedoch sprangen diese aufgrund des überzogenen
Kaufpreises immer wieder ab, so dass das Haus weitere 7 Jahre im Besitz
der Erben und unsaniert blieb. Hinzu kam, dass seit 1999 die Fördermittel
für Häusersanierungen in Ostdeutschland auf ein Minimum geschrumpft
sind und der Immobilienmarkt in Leipzig ohnehin wenig lukrativ ist.
Am 16. März 2006 ging dann alles sehr schnell. In einer Presseerklärung
teilte das Bauordnungsamt Leipzig mit, dass drei wertvolle Gründerzeitgebäude,
unter ihnen die Friedrich-Ebert-Straße 81, in der im Oktober 2005 der Dachstuhl
ausgebrannt war, noch vor der Fußballweltmeisterschaft abgerissen werden.
Man möchte keine zusätzlichen Baustellen zum sportlichen Großereignis
haben, hieß es da. Auf einmal waren alle wieder wachgerüttelt, nachdem
die Proteste um den Abriss der „Kleinen Funkenburg“ schon wieder
fast ein Jahr her waren. Das Stadtforum Leipzig, welches sich für den historischen
Erhalt der Gebäude der Stadt einsetzt und dem mehr als 15 Vereine angeschlossen
sind, versuchte nun alles in die Wege zu leiten, um insbesondere die Friedrich-Ebert-Straße
81 vor dem Abriss zu retten.
Die Mitglieder des Stadtforums setzten sich mit der Erbengemeinschaft in Verbindung,
die ihrerseits schon eine Abrissgenehmigung an die Stadt Leipzig erteilt hatte,
und verhandelten mit möglichen Investoren. Sie verfassten einen Brief an
die Dresdner Bank und wiesen darauf hin, dass die Bank zu NS-Zeiten schließlich
von der „Arisierung“ des Gebäudes profitiert hatte. Das Unmögliche
schien wahr zu werden, denn zwei Wochen später hatte das Stadtforum es geschafft,
einen potentiellen Investor aus Baden-Württemberg zu finden. Dieser hatte
in Chemnitz bereits zahlreiche Altbauten saniert. Zusätzlich konnte das
Stadtforum auch die Dresdner Bank mit ins Boot zu holen, die zinsgünstige
Kredite versprach. In Leipzig gab es nun wieder Hoffnung auf eine Zukunft der
Ebert 81. Auch die Zeitung „Die Welt“ sah am 29. März das Haus
schon fast gerettet. Doch am gleichen Tag hatte das Bauordnungsamt Leipzig bereits
die Anordnung gegeben, am 30. März mit dem Abriss zu beginnen.
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| Wertvolle Fassadenteile liegen nach
deren Abriss verstreut auf dem Grundstück |
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| 2 Tage nach Abrissbeginn ist nur noch
ein kläglicher Rest zu sehen |
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Eine Chronologie der Ereignisse
30. März
Augenzeugen berichten an diesem Vormittag von Baumfällarbeiten auf dem Nachbargrundstück
der Friedrich-Ebert-Straße 81. Zudem wurde ein Auto der Firma Caruso GmbH,
einer stadtbekannten Abrissfirma, dort gesichtet. „Das sieht nicht gut
aus“, sagte ein Passant. Zur gleichen Zeit ging bei der Erbengemeinschaft
Fein in Amerika ein verbindliches Kaufangebot des Investors ein. Am späten
Abend war vor dem Haus alles ganz ruhig. Nur ein paar wenige Autos und hin und
wieder eine Straßenbahn fuhren durch die gespenstig wirkende Straße,
die in diesem Abschnitt kaum noch bewohnt ist.
31. März
Auch an diesem Tag, einem Freitag, blieb alles ruhig; nur die Baumfällarbeiten
gingen weiter. Gegen Nachmittag machte sich vorsichtiger Optimismus breit, dass
das Haus zumindest das Wochenende überstehe. Wenigstens zwei Tage
Zeit, neue Fakten zu schaffen.
1. April – 3. April
Keine abrissverdächtigen Handlungen am Wochenende, das Haus steht. Neue
Hoffnung keimte spätestens am Montagabend auf, als das Haus immer
noch unversehrt war. Ist die Erbengemeinschaft auf das Kaufangebot des
Investors eingegangen?
4. April
Dieser Tag sollte endgültig zum Schicksalstag der Friedrich-Ebert-Straße
81 werden. Am Vormittag rückte ein Abrissbagger der Firma Caruso GmbH auf
das Nachbargrundstück vor und begann mit dem Abriss des Hauses. In Windeseile
riss er immer größere Löcher in die prächtige Jugendstilfassade.
Nichts wurde vorher geborgen. Steine fielen durch den Abbruch auf die Straße,
die nicht abgesperrt wurde, und gefährdeten Passanten und Verkehrsteilnehmer.
Nur für vorbeifahrende Straßenbahnen wurden die Arbeiten kurz eingestellt,
wie ein Augenzeuge berichtete. Am Abend war der Spuk dann vorerst vorbei. Das
Haus war bereits zu etwa einem Drittel abgetragen. Die historisch wertvollen
Fassadenteile lagen verstreut zwischen allerhand Schutt auf dem Grundstück
herum. Ein Wachdienst passte über Nacht auf, dass nichts geplündert
wird.
5. April
Der Abriss geht weiter. Immer tiefer bohrt sich der Greifarm des Baggers
in das Haus. Bis zum Abend steht nicht mal mehr ein Viertel des Gebäudes. Die Friedrich-Ebert-Straße
81 ist Geschichte…
Angesichts dieses Ausmaßes an kulturhistorischer Zerstörung
in Leipzig, welches mit dem Abriss ihren bisherigen Höhepunkt nach
1989 erreichte, gilt es nun zu klären: Warum wurde so plötzlich
abgerissen, obwohl zum einen die Fassade zur Straße
hin gesichert war und es zum anderen Kaufverhandlungen mit den Eigentümern
gab? Flossen Fördermittel aus dem Stadtumbau Ost – die ja
eigentlich für
die Bewahrung der historischen Bausubstanz in den Kerngebieten angedacht
waren – in den Abriss des Hauses? Warum dauerte im Vorfeld die
Rückübertragung der Immobilie
an die Erben 9 Jahre? Welche Interessen waren ausschlaggebend für
die Stadt? Weshalb ließ sie
das Gebäude beseitigen und warum hielt sie sich gegenüber der Öffentlichkeit
so bedeckt? Inwieweit wurden beim Abriss denkmalschutzrechtliche Belange übergangen?
Bildnachweis:
Crealog Leipzig