Gedanken zum Leipziger Baugeschehen
Es wollte nicht Frühling werden in Leipzig. Der Mai blieb kühl und unwirtlich. Eine wehmütige hilflose Stimmung lag über der Stadt. Rote Rosen, hinter die Absperrgitter geworfen, konnten das Unausweichliche nicht mehr ändern. Doch sie waren Zeichen stummen Trotzes. Zuerst brach unter dem Druck der Detonationen das spätgotische Hallendach in sich zusammen. Dann wurden die Sprengsätze in der filigranen Fassade der Universitätskirche ihrer unheilvollen Aufgabe gerecht. Lange hingen die bräunlichen Staubwolken in der Luft. Sie gaben Kunde über eine Stadtzerstörung, deren Ausmaß in jenem Jahr 1968 kulminierte. Der Abbruch des Renaissancebaus Deutrichs Hof im gleichen Jahr war der Schlussstein jener fatalen Entwicklung. Doch nur vorerst schien die Abrissbirne von nun an im Stadtzentrum Leipzigs zu schweigen. Der Verfall der Vorstädte aus dem 19. Jahrhundert erreichte eineinhalb Jahrzehnte später ein derartiges Ausmaß, dass die Stadt nun in weiten Teilen ihr Gesicht verlor. Die Brachflächen wurden durch monotone Plattenbauten ersetzt. Nicht nur im Stadtbild, auch sprachlich vollzog sich dieser Wandel. Die hilflose Abrisspolitik wurde durch Euphemismen verschleiert. Aus Baudenkmälern bzw. Gründerzeithäusern wurden Abbruchhäuser. Das Wüten der Abrissbagger nannte man Umgestaltung.
Nach dem demokratischen Neubeginn im Herbst 1989 konnte die wenige Monate
später folgende Volksbaukonferenz einen Abrissstopp erwirken. So
wie in den folgenden Jahren Gründerzeitfassaden ihr Grau gegen Farbenpracht
eintauschten, so schien damit auch die unheilvolle Staubschicht, die
seit dem Jahre 1968 wie ein Stigma auf der Stadt lastete, zu verschwinden.
Und doch rüttelten engagierte Leipziger im Jahre 1996 erstmals die
Presse auf: „Chance der behutsamen Erneuerung vertan“.
Was war geschehen? In der Altstadt waren zu jenem Zeitpunkt bereits Dutzende
Baudenkmäler der Renaissance- und Barockzeit sowie späterer
Bauperioden entkernt, manche sogar vollständig abgerissen worden.
Die wenigen nach dem Kriege erhalten gebliebenen Passagen, für die
Leipzig einst berühmt war, wurden bis auf die Mädlerpassage
tiefgreifend verändert und überformt und somit ihrer geschichtlichen
Identität beraubt. In Baulücken wuchsen gesichtslose, austauschbare
Blöcke, fernab von Leipzig an einem Reißbrett entstanden und
durch Tastendruck am Computer in jeder beliebigen Stadt einsetzbar. Der
Hauptbahnhof wurde zum Konsumtempel umgebaut, ein mehrstöckiges
Parkdeck sollte die einmalige Hallenkonstruktion optisch entwerten. Die
Bürger Leipzigs protestierten, doch ihr damaliger Oberbürgermeister
stand nicht hinter ihnen, er stand auf der anderen Seite. Ein Jahr nach
dem oben genannten Aufruf in der Zeitung fiel die Entscheidung zum Bau
eines 30 Meter hohen Betonquaders in Mitten der Altstadt.
Doch was hier geschah, waren keine augenblicklichen Verfehlungen oder
Irrwege, es waren Planungen, die bereits Jahre zurücklagen und nun
schrittweise verwirklicht wurden. Das Leitbild der autogerechten Stadt
gewann in Leipzig wieder Fuß zu fassen. Es rückte erstmals
deutlich ins Bewusstsein der Leipziger, als im Februar 1999 der Stadtrat
den Bebauungsplan der Friedrich-Ebert-Straße beschloss und damit
dem Abriss historischer Bauten den Weg ebnete. Das herausragendste Gebäude
war das Wohnhaus der Frauenrechtlerin Henriette Goldschmidt. Trotz internationaler
Proteste rückten im März 2000 die Abrissbagger an. Einem schlechten
Gewissen gleich waren zuvor Teile der Fassade geborgen worden. Man versprach,
diese irgendwann einmal in irgendeinen Neubau zu integrieren. Waren nicht
auch schon 1968 von Deutrichs Hof Fassadenteile konserviert und der Wiederaufbau
bereits auf der DDR-Bauausstellung in Ostberlin 1987 angedacht worden?
Beide Gebäude sind unwiederbringlich aus dem Stadtbild verschwunden
und wohl bald auch aus dem kollektiven Gedächtnis. Heute zieht an
der Stelle des Goldschmidt-Hauses ein graues Asphaltband entlang, der
Raum wirkt öde und kahl. Nur vereinzelt stehen einige Plattenbauten,
des Weiteren eine verunglückte Lückenschließung aus den
90er Jahren sowie einige kurz vor dem Zusammenbruch stehende Häuser
des 19. Jahrhunderts, wie beziehungslose Solitäre in der monotonen
Stadtlandschaft herum.
Es sind die über die Jahre tröpfchenweise fließenden Fördermittel,
die diesen Prozess schleichend anmuten lassen, doch in der Zusammenschau
ist die Bilanz schon jetzt ernüchternd.
Der Herbst des Jahres 2004 beginnt spätsommerlich warm, als am 1. Oktober 2004 für die Bevölkerung völlig überraschend Abbrucharbeiten an einem der herausragendsten Leipziger Wohnhäuser der Gründerzeit in der Karl-Heine-Straße 30 beginnen. Ohne Vorankündigung, einer Nacht- und Nebelaktion gleich, verschwindet das Bauwerk innerhalb eines Tages. Die Bürger sind entsetzt, stehen auf der Straße, beschimpfen die Bauarbeiter, doch rechtlich scheint alles in Ordnung: „Wir haben eine Abbruchgenehmigung, es ist alles korrekt“, lässt der städtische Wohnungsbaukonzern LWB, dessen Posten sich die Politiker im Rathaus mit Neuleipzigern teilen, in der Leipziger Volkszeitung verlauten. Anders dazu ein Mitarbeiter der Landesdenkmalbehörde in Dresden im Internet: „Der von der LWB gewünschte Abbruch wurde von uns mehrfach abgelehnt, und statt dessen wurden Sicherungsmaßnahmen gefordert. ... Die nun vom Amt für Bauordnung und Denkmalpflege ergangene Abbruchgenehmigung erfolgte ohne die gesetzlich vorgeschriebene Beteiligung des Landesamtes für Denkmalpflege. Auch die Untere Denkmalschutzbehörde der Stadt war nicht beteiligt. Es handelte sich auch nicht um eine Abbruchverfügung wegen akuter Einsturzgefahr. Die Abbruchgenehmigung ist demnach eindeutig gesetzeswidrig erteilt worden. Die Eile, mit der der Abbruch unmittelbar nach Erhalt der Genehmigung vollzogen wurde ... spricht dabei ihre eigene Sprache. Man wollte verhindern, dass es durch Protest zu einer Verzögerung kommen könnte. Schließlich gibt es auch keinen Nachweis über den tatsächlichen Gefährdungszustand und die bei Abbrüchen übliche Fotodokumentation.“ |
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Mitte Januar sind in der Presse erneute Vorwürfe gegen die Leipziger
Wohnungs- und Baugesellschaft LWB. Privateigentümer werfen dem Wohnungsbaukonzern
vor, die Häuser lieber verfallen zu lassen als zu verkaufen, um
Konkurrenten den Start zu erschweren. Am 14. März 2005 widmet die Leipziger Volkszeitung der Kleinen
Funkenburg eine ganze Seite. Eine Fotomontage legt dar, welch tiefgreifende Änderungen
der Abriss für das Bauensemble hätte. Wenn einst der Erinnerungskitsch
mit historischen Postkarten oder Stahlstichen blüht, die Leipziger
wehmütig ihrer Altstadt nachtrauern, dann bleibt jetzt wenigstens
festzustellen, dass spätere Ausflüchte, wie „ich habe
es nicht gewusst“ oder „ich habe das mir nicht vorstellen
können“, niemals akzeptiert werden können. Das Frühjahr 2005 zeigt sich für die Jahrezeit zu kalt. So müde wie der Wahlkampf anläuft, so erschlafft scheinen sich auch die Leipziger dem nicht mehr beeinflussbaren Schicksal ihrer Stadt hinzugeben. 100 Männer, Frauen und Kinder demonstrieren einen Tag vor der Oberbürgermeisterwahl am 9. April 2005 vor dem noch bestehenden ältesten Gebäude des Waldstraßenviertels. Einige blockieren kurzzeitig eine Straßenbahn. Innerhalb weniger Minuten ist die Polizei vor Ort. 100 Abrissgegner – von 500.000 Leipzigern! Erschlafft durch die fehlenden basisdemokratischen Einflussmöglichkeiten bleibt die Motivation der meisten Leipziger zum Protest aus. Dies gilt nicht nur für die Kleine Funkenburg. Verlorenen gegangenen Baudenkmalen wird trotzdem intensiv und wehmütig hinterhergetrauert. Bereits heute ist die Bücherflut vom „guten alten Leipzig“ mit vergilbten Schwarzweißpostkarten fast unheimlich. Fast monatlich erscheinen neue Werke, die in der vermeintlich guten alten Zeit ständig herumrühren. Doch Chancen, durch politisches Engagement oder wie bei fehlenden Einflussmöglichkeiten nun in Leipzig durch notwendigen zivilen Ungehorsam der Arroganz der Potentaten die Zähne zu zeigen, bleiben aus. Den Wahlsonntag nutzen die meisten Leipziger für Privatdinge. Noch nie war die Wahlbeteiligung so niedrig. Selbstherrlich tönen einige Lokalpolitiker über das fehlende Demokratieverständnis der Bevölkerung. Erstaunlicherweise befindet sich unter denjenigen, die mit erhobenem Zeigefinger die Leipziger über Demokratie belehren, auch der Amtsvorgänger von Wolfgang Tiefensee, Herr Dr. Hinrich Lehmann- Grube. Sein Wirken um das Parkdeck im Hauptbahnhof ist den Leipzigern noch in Erinnerung... Die Trauer über den Abriss städtebaulicher Identität
soll den Leipzigern auch durch die Umwertung der Begriffe gemildert werden.
Gründerzeithäuser bzw. Baudenkmäler werden in der Öffentlichkeit
zunehmend als „Abrisshäuser“ oder „Ruinen“ bezeichnet.
Bagger und Betonkugeln reißen nicht mehr ab, sie gestalten um.
Der Chef des Chemnitzer Stadtplanungsamtes Börris Butenop lässt
sich in der Leipziger Volkszeitung mit den Worten „belanglose
Dutzendware aus der Gründerzeit“ zitieren. Und wer wolle
denn in Gründerzeithäusern, die an Schnellstraßen stehen,
noch wohnen? Also weg damit! Wie kommen aber die Schnellstraßen
eigentlich vor die Gründerzeithäuser? - Das wird nicht diskutiert. Am 18. April 2005 beginnen offiziell die Bauarbeiten in der Jahnallee. Am 29. April erscheint in der Presse die Nachricht, dass in der Kleinen Funkenburg Malereien aus dem Jahre 1850 entdeckt wurden. Diese seien kulturhistorisch nahezu einmalig. Ein Abrisstermin der Kleinen Funkenburg ist noch nicht bekannt. Währenddessen veranstaltet das Stadtforum Leipzig ein Kolloquium zum Erhalt historischer Bausubstanz. „Die gegenwärtige Vergabepraxis von Fördermitteln im Rahmen des Stadtumbau-Ost-Programmes und die damit verbundenen finanziellen Anreize sind einer der Hauptgründe für die Vernichtung von Baudenkmalen“, so der Sprecher des Stadtforums. In der LVZ heißt es: „Allerdings bestehe seitens der Staatsregierung noch immer keine Bereitschaft, die auf das Schleifen von Gebäuden ausgerichtete Förderpolitik zu ändern“. Auch ohne viele Worte kam diese Haltung durch den Vertreter des Landes Sachsen zum Ausdruck. Während der Podiums-Diskussion Anrufe von seinem Mobiltelefon entgegennehmend, verließ er schließlich vorzeitig die Diskussionsrunde, ohne die sichtlich verwunderten Anwesenden über sein Verschwinden in Kenntnis zu setzen. Die Leipziger blieben unter sich. Die ersten Maitage bescheren den Leipzigern sommerliche Temperaturen.
Inzwischen ist der innere Teil der Jahn-Allee schon Baustelle. Das emsige
Treiben rund um die Kleine Funkenburg ist für das erste Maiwochenende
ausgesetzt. In der nahen Gustav-Adolf-Straße kreischen vergnügt
Kinder auf dem Fußweg. Wann waren in dieser sonst lärmenden,
dröhnenden und autoabgasgeschwängerten Straße jemals
Kinder zu hören? Das warme Frühlingswetter beflügelt Wunschträume
einer verkehrsberuhigten Stadt. Weg mit den verstaubten Nachkriegsplanungen
der autogerechten Stadt der 50-er und 60-er Jahre – in die Schublade
damit! Warum könnten nicht Konzepte konsequenter Verkehrsberuhigung,
wie in Amsterdam oder Antwerpen erfolgreich praktiziert, Vorbildwirkung
für Leipzigs Stadtplaner haben, so dass Leipzig eine lebenswerte
Stadt bleibt? |
Das Loch in der Giebelwand wächst zunehmend, ohnmächtig stehen Leipziger Bürger am Bauzaun. Fotoapparate, Video- und Filmkameras dokumentieren die letzten Tage des spätklassizistischen Gebäudes und dann plötzlich noch einmal ein letztes Aufbäumen, um das unvermeidliche Schicksal herauszufordern! Zwanzig mutige Leipziger Bürger besetzen die Baustelle und bringen den Bagger zum Schweigen. Auf einem Plakat ist zu lesen: „Leipziger gegen den Abriss – für den Erhalt der Kleinen Funkenburg“. Schwer angeschlagen, aber immer noch zu retten, so präsentiert sich die Kleine Funkenburg am Abend des 18. Mai 2005. Aus dem Stadtrat kommt die Meldung, dass das Thema „Funkenburg“ in die Ausschüsse weitergeleitet wurde. Können vollendete Tatsachen geschaffen werden, solange ein politischer Diskussionsgegenstand noch in der Schwebe ist? Am darauffolgenden 19. Mai stehen die Denkmalschützer ab 7.00 Uhr auf der Baustelle. Jetzt sind es nur noch sechs engagierte Leipziger - 6 von 500.000! Eine Stunde später ist die Polizei vor Ort und löst den friedlichen Protest nach weiteren zwei Stunden auf. Der Tag verläuft ungestört. Der 20. Mai verläuft ungestört. Ein Drittel des Hauses ist verschwunden. Der Bagger frisst sich von der Seite in das historische Gemäuer hinein. Der 21. Mai verläuft ungestört. An diesem Sonnabend steht nur noch die Hälfte des Gebäudes. Anwohner informieren die Polizei über die Bauarbeiten, um sich somit über die damit verbundene Lärmbelästigung am Wochenende zu beschweren. Die Polizei lässt verlauten, dass im Falle der Funkenburg der Baufirma das Recht eingeräumt wurde, sogar sonntags und auch in der Nacht zu arbeiten. „Was empfinden sie dabei?“ Diese Frage richtet sich an den Bauleiter, der vor den Absperrgittern den Fortgang der Arbeiten kontrolliert. „Für mich ist das nur ein Job wie jeder andere.“ Im weiteren Gespräch teilt er mit, dass er gar nicht gewusst hatte, um was für ein Gebäude es sich hier handeln würde. Während krachend Gebälk und Ziegelsteine auf den immer größer werdenden Schutthaufen stürzen, ein Bauarbeiter Wasser versprüht, um die Staubentwicklung zu minimieren, stehen auf der anderen Straßenseite 15 Leipziger, gelegentlich diskutierend, oft schweigend; die meisten fotografieren – 15 von 500.000! |
Es ist wieder Ende Mai, eine gelblich braune Staubwolke legt sich über
die Umgebung. Am Bauzaun hängt noch das Protestplakat „Leipziger
gegen den Abriss...“. Ein junger Mann stellt sich ans Absperrgitter
und spielt – Violine! Die Arbeiten gehen zügig voran. |
Auch dem Leitbild der autogerechten Stadt wird kein Abbruch getan. Um das Tangentenviereck zu verwirklichen, verschwinden im nördlichen Innenstadtbereich Gründerzeithäuser und idyllische Vorgärten an historistischen Villengrundstücken. Das schönste Haus der Friedrich-Ebert-Straße, welches der steingewordenen Fantasie eines Gaudi in Barcelona in nichts nachsteht, dieses im Volksmund der vielen Verzierungen wegen „Märchenhaus“ genannte Denkmal weicht einem grauen Asphaltband. |
