Die GHND oder der Wiederaufbau des alten Dresdens
Um die Aktivitäten der G(esellschaft) H(istorischer)
N(eumarkt) zu D(resden) verstehen zu können, müssen
wir uns in die Vergangenheit zurückbewegen. Zurück
bis zu dem Tag, der wie kein anderer als Symbol für
den uneingeschränkten Bombenkrieg der Alliierten gegen
NS-Deutschland steht.
13. Februar 1945
Bis zu diesem Tag war die Stadt Dresden, das Elbflorenz, weitgehend unzerstört. Noch immer atmeten die Menschen die Schönheit ein, wie Försterkinder die Waldluft (E. Kästner).
Die Dresdner gaben sich der Illusion hin, die Stadt würde verschont. Schließlich war Dresden als einzige Großstadt bisher unzerstört geblieben. Emotionale Gründe für diese Annahme gab es viele: Dresdens Ruf als Barock- und Kunststadt sei auch den Alliierten bekannt, man wolle Dresden in die neue Hauptstadt des besetzten Deutschlands umwandeln, das Elbtal sei schwer anzufliegen oder auch Dresdens Status als offene Stadt. Zu jener Zeit war Dresden mit Flüchtlingen aus den Ostgebieten überfüllt, die Flak längst abgezogen. Dresden war wehr- und schutzlos. Doch all das half der Stadt nicht. Ihr Schicksal war auf der Konferenz von Jalta besiegelt worden. Den Grund für die absolute Vernichtung Dresdens in der Zerstörung des Verkehrsknotenpunktes Dresden zu sehen, weckt berechtigte Zweifel: Bereits drei Tage nach dem Angriff waren alle Eisenbahngleise schon wieder intakt - gerade weil das Hauptangriffsziel die historische Innenstadt und nicht die Infrastruktur der Stadt gewesen war. Über die wahren Gründe wurde viel spekuliert. Fakt ist, der Angriff war militärisch fraglich und die Zerstörung einer der schönsten Städte der Welt damit unnötig und sinnlos.
Die Opferzahlen konnten nie genau geklärt werden. Offizielle Zahlen gehen von 35.000 Toten aus. Da die Leichen aber nicht gezählt werden konnten, weil viele für immer in den Kellern blieben und nicht mehr identifizierbar waren, könnten diese Zahlen aber auch leicht verdoppelt oder verdreifacht werden.
Der Wiederaufbau Dresdens
Fast ebenso schmerzlich wie die Vernichtung Dresdens gestaltete sich der Wiederaufbau. In der Zeit unmittelbar nach dem Krieg gehörte Dresden zur Sowjetischen Besatzungszone, ab 1949 zur DDR. In der DDR bildete das „Aufbaugesetz“ von 1950 die Grundlage für die Enttrümmerung und den Wiederaufbau der Städte, aber gleichzeitig auch das Instrument für die Enteignung der Eigentümer zerstörter Häuser. Dresdens unseliger Bürgermeister Walter Weidauer brachte es auf den Punkt, als er meinte, Dresden brauche weder Kirchen noch Barockfassaden. Die städtebaulichen Vorstellungen hatten andere Ziele: Straßenerweiterungen und vergrößerte Plätze sollten Bühne für Aufmärsche und Kundgebungen sein. Damit verschwand vielerorts die bürgerliche Stadt mit ihrer interessanten Parzellierung von der Bildfläche. Privater Hausbesitz entsprach nicht den sozialistischen Vorstellungen. Deshalb wurden die Trümmer weggeräumt – auch wenn ein Wiederaufbau möglich gewesen wäre. Die Eigentümer erhielten lediglich eine kleine Entschädigung für die enteigneten Grundstücke.
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Gegner des Ausbaus zur „Sozialistischen Großstadt“ verloren schnell Ämter und Einfluß, so daß von 1949 an mit der großflächigen Enttrümmerung begonnen wurde. Conert, der 1946 den ersten Dresdner Wiederaufbauplan vorstellte, der sich noch stark an der alten Stadtstruktur orientierte, starb schon wenig später. Viele wertvolle ausbaufähige Ruinen wurden gesprengt, darunter die Ausstellungsgebäude und das Alte Rathaus (1949), das Neustädter Rathaus, die Große Meißner Straße, Alberttheater und Narrenhäusel (1950), Fernheizwerk, Hotel Bellevue und Bürgerhäuser der Altstadt (1951), viele öffentliche Großbauten des 19. Jahrhunderts (1952), Orangerie und Villen an der Wiener Straße (1953), Rampische Straße (1956), Sophienkirche (1963), und 17 andere Kirchenbauten. Als letzte bedeutende Barockbauten sind 1969 die Torhäuser am Großen Garten und das südliche Torhaus am Palaisplatz abgerissen worden.
Ein typisches Beispiel des Wiederaufbaus zu einer „Sozialistischen Großstadt“ war der Wiederaufbau des Altmarkts. Der Altmarkt war das historische Zentrum der Stadt. Der Bombenangriff vom Februar 1945 ließ vom Altmarkt nichts mehr übrig. Die heutige Bebauung der Ost- und Westseite erfolgte von 1953 bis 1956 in traditioneller Ziegelbauweise. Dabei wurde die vom Bombenhagel „geschaffene“ Größe belassen, so daß der Platz trotz der Neubauten recht leer wirkte, zumal er als Parkfläche für Autos ausgewiesen wurde. Die Fassaden der neu errichteten Wohnhäuser mit Geschäften, Cafés und Restaurants in den unteren Geschossen sind durch Gestaltungselemente gegliedert, die sich an Formen des Dresdner Barock anlehnen. An der Nordseite wurde mit dem 1966 bis 1969 erbauten Kulturpalast der Versuch eines repräsentativen Platzabschlusses unternommen; die Südseite wurde unbebaut gelassen.
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Das Errichten von Hochhäusern in einem an den örtlichen Traditionen angelehnten Prunkstil war typisch für das stalinistische Bauen. Die Errichtung eines stalinistischen Turmbaus wie der Warschauer Kulturpalast, welcher das berühmte Dresdner Elbpanorama vom Neustädter Elbufer aus stark beeinträchtigt hätte, konnte von den Denkmalpflegern jedoch verhindert werden. So blieb es bei dem heutigen, nur 20 Meter hohen Kulturpalast.
Der von 1966 bis 1969 errichtete Kulturpalast ist der Versuch, die Nordseite des Altmarkts architektonisch abzuschließen. Der flache, 103 Meter lange und 74 Meter breite Bau wurde in monolithischer Stahlbetonskelettbauweise errichtet und ist ein typisches Beispiel funktionaler öffentlicher Architektur, wie sie in den sechziger Jahren nicht nur im Osten, sondern in ihrer zwiespältigen Ästhetik zwischen Großzügigkeit im Material und Brutalität im Umgang mit der Stadtstruktur genauso gelungen oder mißlungen auch im Westen entstanden ist. Heute steht der Kulturpalast einer Wiederanlegung wichtiger Altstadtgassen diametral entgegen und ist somit in seiner jetzigen Form nicht erhaltungsfähig.
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Der Neustädter Markt und die von hier abgehende Hauptstraße weisen die für die nachstalinistische Ära der DDR typischen „Plattenbauten“ auf. Diese stammen aus den achtziger Jahren und „riegeln“ den Neustädter Markt zum einzig erhaltenen Barockviertel, dem Königstraßenviertel, ab, da die auf den Markt führenden Straßen wie Rähnitzgasse und Heinrichstraße überbaut wurden. Die Sanierung des Eckplattenbaus auf der linken Seite des Marktes durch die Wohnungsbaugesellschaft Dresden im Jahr 2003 hat die Rekonstruktion des wohl wichtigsten Leitbaus an diesem Platz, dem Neustädter Rathaus, kurz- und mittelfristig unmöglich gemacht.
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Außerhalb der Altstadt, die in ihrem Durchmesser nur knappe 500 Meter beträgt, wurde das Ideal der Sozialistischen Stadt auf noch brutalere Weise verwirklicht. Die riesigen Plattenbauviertel in der östlich der Altstadt gelegenen Johannstadt und die berühmt-berüchtigte Prager Straße legen davon heute ein trauriges Zeugnis ab. Leere Plätze und überbreite Straßen lassen den Traum von Elbflorenz in einer fernen Vorzeit stattfinden.
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Vor der Gründung der DDR, bevor das „Aufbaugesetz“ erlassen wurde, hatte es ganz andere Ansätze zum Wiederaufbau Dresdens gegeben. Die Dresdner wollten sich mit dem Verlust ihrer Stadt nicht abfinden. Bereits 1945 begannen sie mit den Sicherungsarbeiten an den Ruinen. Nach ersten Diskussionen, an denen Denkmalpfleger, Architekten und Künstler beteiligt waren, galt der Wiederaufbau aller bedeutenden Gebäude – auch der Frauenkirche – als selbstverständlich, obwohl man sich darüber im klaren war, daß es Jahrzehnte dauern würde. Trotz der Notzeit – 90.000 Wohnungen waren zerstört – wurde bereits am 1. Oktober 1945 mit den Arbeiten am Zwinger begonnen.
Dem Zwinger folgten katholische Hofkirche, Schauspielhaus, Gemäldegalerie
– 1956 wiedereröffnet –, Albertinum und viele andere Bauwerke. 1977 schließlich
begann man mit der Rekonstruktion der zwischen 1953 und 1955 als Ruine gesicherten
Semperoper. Während einige in den 50er Jahren fertiggestellten Bauten – wie
die Kreuzkirche am Altmarkt – im Inneren modern ausgestattet wurden,
zeigten Denkmalpfleger, Künstler und Restauratoren bei der Semperoper
ihre ganze Meisterschaft. 1985 wurde mit dem Wiederaufbau des Renaissance-Schlosses
begonnen. Durch diese Rekonstruktionen zeigen sich Schloß- und Theaterplatz
heute wieder in ihrer historischen Form und Einzigartigkeit. Doch die Denkmalpfleger,
allen voran Professor Dr. Hans Nadler, der 30 Jahre lang Leiter der „Arbeitsstelle
Dresden des Instituts für Denkmalpflege“ war, hatten leider nicht
immer Erfolg: So wurde die neben Zwinger und Taschenbergpalais stehende Ruine
der Sophienkirche, der einzigen mittelalterlichen Kirche Dresdens, die mit
ihren neogotischen Türmen den Postplatz prägte, trotz zahlreicher
Proteste 1963 gesprengt. Besonders aufgebracht war die Bevölkerung, als
bei der Auskofferung der kirchlichen Grüfte ganze in Leinen gebettete
Leichen zum Vorschein kamen. Diese fanden sich dann auf den Baggerschaufeln
wieder. Auf der südlichen Hälfte des Sophienkirchengrundstücks
wurde dann ein Teil der neugebauten Großstadtstätte „Zum
Zwinger“ errichtet, der im Volksmund spöttisch „Freßwürfel“ genannt
wird. Hauptantriebsfeder für solche Abrisse war Walter Ulbricht, die
unter seiner Führung noch viel radikaler in Berlin, Potsdam und Leipzig
durchgeführt wurden. Sein stumpfes Gemüt zeigt sich in dem Ausspruch,
daß er das Ding (Sophienkirche) am liebsten mit seinem Auto umfahren
wolle. Das Schloß, das nur unter vielen Mühen gerettet werden konnte
und nun zur 800-Jahr-Feier Dresdens im Jahr 2006 äußerlich wiederaufgebaut
sein wird, war für ihn nur „der Kasten“.
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Die Denkmalpfleger haben aber in all den Jahren darauf geachtet, daß Straßenzüge und Sichtbeziehungen der Stadt soweit wie möglich erhalten wurden, vor allem dadurch, daß wichtige Gebäude – sei es auch nur als Ruinen – stehenblieben. Was bei der Sophienkirche keinen Erfolg hatte, gelang unter großen Mühen bei der Frauenkirche.
Die 1726-1743 gebaute Frauenkirche war mit einer Gesamthöhe von 93 Metern der einzige barocke Kuppelbau dieser Größe nördlich der Alpen und bestimmte weithin sichtbar das weltberühmte Dresdner Panorama. In der Zeit unmittelbar nach dem Krieg stand auch der Wiederaufbau der Frauenkirche außer Frage. Die Idee der archäologischen Rekonstruktion, die heute verfolgt wird, stammt bereits aus dieser Zeit. Deshalb wurden wieder verwendbare Trümmerteile geborgen und die Ruine abgesichert. In den fünfziger Jahren fertigte der Architekt Arno Kiesling anhand der von ihm bei der Sanierung 1938-1943 durchgeführten Vermessungen maßstabgerechte Zeichnungen an, die als Grundlage für die Arbeiten dienen sollten. 1966 jedoch beschloß der Rat der Stadt die Wiederherstellung der Kirche auf unbestimmte Zeit zu verschieben, und die Ruine wurde zum „Mahnmal für den Frieden“ erklärt. In der DDR fehlte sowohl das Geld als auch der politische Wille zu einem so kostspieligen Wiederaufbau eines Gebäudes, das schließlich eine Kirche und somit ein Tempel eines ideologischen Gegners war. Die Ruine blieb bis zur Wendezeit unverändert weiterbestehen. Ein Schild neben der Ruine mahnte die Menschheit zum Kampf gegen „imperialistische Barbarei“.
Am 13. Februar 1990, wenige Monate nach der Öffnung der Mauer und unter
dem Eindruck des sich abzeichnenden Wandels, trat die Bürgerinitiative „Wiederaufbau
Dresdner Frauenkirche“ an die Öffentlichkeit. Namhafte Persönlichkeiten
aus Politik und Gesellschaft riefen zu einer weltweiten Aktion auf, den Wiederaufbau
der Dresdner Frauenkirche als Symbol der Hoffnung und Zuversicht, der Toleranz
und friedlichen Verständigung unter den Völkern zu unterstützen.
Aus dieser Initiative entwickelte sich die „Gesellschaft zur Förderung
des Wiederaufbaus der Frauenkirche Dresden e.V.“, die mit rasch ansteigender
Mitgliederzahl und weiteren engagierten Förderern den Gedanken des Wiederaufbaus
propagierte und eine überaus erfolgreiche Sammlungstätigkeit initiierte.
Schon Anfang 1993 konnte, nachdem die Stiftung Frauenkirche Dresden e.V. als
Bauherrschaft gegründet worden war, mit der archäologischen Enttrümmerung
der Ruine begonnen werden. Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung
wurde am 27. Mai 1994 der erste Stein zum Wiederaufbau „versetzt“.
Am 21. August 1996 konnte die Unterkirche geweiht werden. Die Frauenkirche
wird bis zum 30.10.2005 vollendet werden. Ihre Wiederherstellung wird schätzungsweise
insgesamt € 130 Mio. kosten.
Der Neumarkt und die GHND
Der Wiederaufbau des zentralen und überragenden Bauwerks hat auch die stadtplanerische Neugestaltung des Platzes wieder in Gang gebracht. Die Bauten rund um den Neumarkt und an den von hier abgehenden Straßen und Gassen sind 1945 völlig zerstört worden. Viele der Wohnbauten, Hotels und Palais galten mit ihren reich ornamentierten Barock- und Rokokofassaden als architektonische Kostbarkeiten. Das Gesamtensemble, am eindrucksvollsten wohl auf den Gemälden Canalettos festgehalten, stellte eine Glanzleistung europäischer Baukunst dar.
Seiner Wiederherstellung hat sich die 1999 gegründete Gesellschaft Historischer
Neumarkt zu Dresden e.V. verschrieben. Ihrer Gründung war ein großer
Vertrauensverlust in die intellektuellen und emotionalen Fähigkeiten
der Dresdner Stadtplanung vorausgegangen. Man muß nämlich wissen,
daß außer der Zustimmung zum Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche,
die Stadtväter nicht an einen Städtebau angeknüpft haben, den
sich so viele Bürger aus ganz Deutschland für diese geschundene
Schönheit gewünscht hätten. Dresden hat inzwischen viel an
sogenannter „Abschreibungsarchitektur“, die sich bis an die Südseite
des Altmarktes gezogen hat. Ob diese sich so sehr von dem Betonbrutalismus
der Sechziger und Siebziger unterscheidet, mag dahingestellt sein. Auf jeden
Fall ist für die diese heutige Form des Bauens, die ja so gern „modern“ genannt
wird, kaum ein Bürger mehr zu begeistern. Viele Architekten mißachten
diese Entwicklung. Vielleicht deswegen, weil an deutschen Universitäten,
der Begriff „Schönheit“ keinen Platz mehr hat und aus dem
Lehrplan verschwunden ist. Architektur muß heute dem Volk nicht mehr
gefallen – Architektur muß provozieren. Provozieren wozu? Provozieren
als ständiges Ärgernis. So auch in Dresden. Inzwischen schiebt sich
hinter dem Taschenbergpalais der sogenannte Advanta-Riegel in das historische
Ensemble des Theaterplatzes hinein. Der erhoffte Wiederaufbau der Sophienkirche
wurde leichtfertig und dümmlich von der Dresdner Politik vergeben. Statt
dessen geht die Zerstörung Dresdens inzwischen von einem zweiten Akt
zu DDR-Zeiten in einen dritten über. 1999 wurde hinter dem Coselpalais
das „Neue Palais“ eingeweiht. Leider ist der Name hier nicht Programm.
Für diese konkav gekrümmte Rasterfassade im aufdringlichen türkis-grün
zeichnet das Dresdner-Architekturbüro Kaplan verantwortlich.
Diese beiden letztgenannten Gebäude waren der Grund dafür, daß sich
eine Gruppe von Dresdner Bürgern, Kunsthistorikern und Architekten dazu
genötigt sah, die genannte GHND zu gründen. Hauptantriebsfeder
war die schon fast körperlich schmerzende Sorge, daß das Gebiet
um die Frauenkirche, nämlich der Neumarkt, auch Opfer von leidenschaftslosen
Stadtplanern und Investoren werden könnte. Schließlich besteht
in diesem Altstadtareal die letzte Chance, etwas vom alten bürgerlichen
Dresden wieder sichtbar und alte Straßenstrukturen erlebbar zu machen.
Aber an dieser Stelle lassen wir den Verein selber sprechen:
„Für
viele für uns verbindet sich mit dem Wiederaufbau der
Frauenkirche die Hoffnung, daß auch der umgebende Neumarkt in seinem
historischen Bild und als harmonische, städtebauliche Einheit wiederhergestellt
wird.
Die Gesellschaft Historischer Neumarkt Dresden e.V. tritt dafür
ein, den Neumarkt so weit wie möglich mit seinen kunst- und kulturgeschichtlich
wertvollen Bauten wiederherzustellen.
In Anbetracht vieler gesichtsloser funktionaler
Neubauten im Dresdner Zentrum sehen wir allein darin die letzte Chance, dieser
Stadt ihre alte Identität
und zugleich ein bürgerfreundliches Zentrum zurückzugeben.
Es wird
ein langer Weg werden, dieses Ziel zu erreichen.
Mit der Wiederherstellung
des Erscheinungsbildes des Neumarktes könnte
der kostbarste Teil des alten bürgerlichen Dresdens und damit eines der
schönsten Altstadtkerne Europas in wesentlichen Zügen neu erstehen.
Der
in New York lebende Nobelpreisträger Günter Blobel, ein großer
Freund unserer Stadt, hat gesagt, daß wir uns nicht damit abfinden dürfen,
was uns Diktaturen des vergangenen Jahrhunderts hinterlassen haben.“
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Inzwischen hat sich viel getan. Viel Positives, aber auch einiges an Negativem. Die Stadt Dresden hat eine Gestaltungssatzung ausgearbeitet, mit der sich alle Beteiligten anfreunden konnten. Das Problem: Der Stadtrat weigert sich, die eigene Gestaltungssatzung zu beschließen. Dadurch entfaltet sie keine Rechtskraft, was den Investoren erlaubt, traditionelles Bauen bestenfalls als Zugeständnis und nicht als Verpflichtung zu sehen. Nachdem die Stadt einen Entwurf von Behnisch & Partner, das sogenannte „Blumenhaus“ genehmigt hatte, was durchaus einen interessanten Entwurf darstellt, aber einer erhofften Wiedergeburt altstädtischer Strukturen und Eindrücken zuwiderläuft, sah sich die GHND veranlaßt, eine Unterschriftenaktion für ein Bürgerbegehren zu starten.
Start dafür war die Bundestagswahl 2002, um möglichst viele wahlberechtigte Dresdner direkt ansprechen zu können. Die Herausforderung war enorm, denn das Quorum zur Initialisierung ist in Sachsen besonders hoch. Es liegt bei 15% aller Wahlberechtigten statt üblichen 5% in anderen Bundesländern. Ob das einer Demokratie zuträglich ist, darf angezweifelt werden. Trotz einiger bürokratischer Schikanen des Ordnungsamtes gelang es, schon einige Tausend der nötigen 58.000 (!) Stimmen zu sammeln. Nach mehreren Monaten der Kraftanstrengung erreichten die Helfer der GHND ein Endergebnis von über 63.000 Stimmen. Besondere Resonanz erfuhr die GHND von der alten Generation, die die alte Stadt noch kannte, und bei der jungen Generation, die sich anscheinend nicht mehr mit Technokratenarchitektur identifizieren kann.
Auf skandalöse Weise weigerte sich die Stadt im Sommer 2003 die Stimmen auch nur auszuzählen. Als Begründung wurde die Nichteinhaltung einer klaren Fragestellung vorgeschoben. Im März 2004 sah sich der Vorstand gezwungen, vor das Dresdner Verwaltungsgericht zu ziehen, um zu seinem demokratischen Recht zu kommen. Ein Urteil kann sich noch einige Zeit hinziehen.
Inzwischen werden am Neumarkt Fakten geschaffen. Erhaltungswürdige Keller, die teilweise in die Rekonstruktionen miteinbezogen hätten werden können, wurden abgetragen. Dadurch wird es Investoren erleichtert, unhistorische Baumaterialien wie Stahlbeton zu verwenden. Daß Leitbauten errichtet werden, die sich auch dem alten Grundriß annähern sollen, vorher indes ihrer originalen Keller beraubt werden, diese Schande hat Sachsens Landesarchäologin Judith Oexle zu verantworten, die die Keller zwar als denkmalfähig, aber nicht als denkmalwürdig einstufte. Dadurch gingen den Investoren die für Bodendenkmale zur Verfügung stehenden Fördermittel verloren, wodurch ein Erhalt ausgewählter Keller nicht mehr in Betracht kam. Abgesehen von dem Abriß der Keller kann das Rekonstruktionsvorhaben der V.V.K. als vorbildlich gesehen werden. Konsequent werden alle Fassaden, die als wertvoll gelten, rekonstruiert. Dadurch entsteht ungefähr ein ganzes Drittel der alten Rampischen Straße wieder. Die GHND wirbt für die fast vollständige Rekonstruktion der Rampischen Straße 29 Spenden ein. Wie früher soll diese als Einzelhaus errichtet werden. Die originalen Keller werden miteinbezogen. Damit baut die GHND an einer idealen Kombination zwischen Geschichte, Tradition und Legitimation. Ein Erfolg dieser Rekonstruktion sollte als Vorbild für alle zukünftigen Investoren gelten.
Ein Erfolg des Wiederaufbaus am Neumarkt könnte die Renaissance der traditionellen Bauweise einläuten. In Dresden stehen in wirtschaftlich besseren Zeiten ganze an die Altstadt grenzende Plätze wie Postplatz und Pirnaischer Platz zum Wiederaufbau an. Nur durch die Anlehnung an den Vorkriegszustand hat ein Neuaufbau die nötige Legitimation der Menschen, die noch immer und auf absehbare Zeit das Ideal des alten Dresdens in ihren Herzen tragen.
Quellen/Bildnachweis:
Bildarchiv Foto Marburg www.globalphotos.org Sowie eigene Aufnahmen von Mitgliedern des APH-Forums |
