Am Anfang war das Schloß
Alle großen Städte Europas sind ohne ihre Schlösser denkbar. In Rom weiß man gar nicht, welchen der vielen Paläste man als Mittelpunkt der Stadt nehmen soll. Den Palazzo Venezia, den alten Sitz der Republik Venedig, von dessen Balkon Mussolini einst den Eintritt seines Landes in den Zweiten Weltkrieg ausrief? Oder den Palazzo Madama, wo heute der Senat zusammenkommt? Oder doch den Quirinal, die alte Residenz der Päpste, wo jetzt der Staatspräsident residiert? Niemand weiß es zu sagen; fragt man die Römer, wird jeder eine andere Auskunft geben.
In London kann man stundenlang durch die Stadt wandern, ohne vom Schloß der englischen Könige, dem Buckingham-Palast, etwas wahrzunehmen, übrigens liegt er außerhalb der alten Stadt in seinem Park. Aber dieses Königliche Schloß wurde erst im achtzehnten Jahrhundert gebaut, erhielt sogar erst 1825-37 seine endgültige Gestalt. Es ist das jüngste aller alten Schlösser Europas, und London war schon weit über tausend Jahre alt, ehe man daran dachte, es zu errichten. Lange hatten die englischen Könige im Windsor Castle gesessen, weshalb sich das Königshaus nach ihm nannte, als es im Ersten Weltkrieg 1917 seinen deutschen Namen Sachsen-Coburg-Gotha loswerden wollte. In Paris wird heute jedermann den Louvre nennen, aber das ist ein Augentrug. Was man heute den „Neuen Louvre“ nennt, wurde erst unter den beiden Napoleons errichtet, und die wirklich alten Teile nimmt der Besucher kaum zur Kenntnis. Napoleon hat selbstverständlich nicht im Louvre, sondern im Tuilerien-Schloß gewohnt, das erst beim Aufstand der Commune 1871 niedergebrannt wurde, und heute erinnert nur noch der Tuileriengarten an den verschwundenen Bau – und zwei einzelne Säulen, die in Berlin am Eingang zur Insel Schwanenwerder aufgestellt wurden. St-Cloud, das dritte Königsschloß von Paris, war älter als jener Bau, in dessen Hof heute die Glas-Pyramide des chinesischen Amerikaners I. M. Pei steht. Und die Schlösser von Fontainebleau aus dem zwölften oder Rambouillet aus dem vierzehnten Jahrhundert? Paris ist nicht mit einem einzigen Königsschloß zu identifizieren.
Berlin aber war das alte Stadtschloß „Unter den Linden“, das eigentlich älter ist als die Stadt selber. Das Schloß an der Spree, oder doch sein ältester Flügel, war schon da, als Brandenburg noch ein Kurfürstentum des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation war, und es nahm seine jüngste Gestalt an, als Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg gerade in Königsberg zu Friedrich I. in Preußen, nicht von Preußen, erhoben wurde, zum ersten preußischen König. Dann wurde nach eindreiviertel weiteren Jahrhunderten aus dem König von Preußen der Deutsche Kaiser.
Das Berliner Schloß hat das alles miterlebt; es ist nicht nur genauso alt wie das Geschlecht, das darin residierte, sondern es ist so alt wie das alte Brandenburg und das junge Preußen. Es hat eine ganz andere Bedeutung für Berlin als die Schlösser Englands, Italiens und Frankreichs für ihre Hauptstädte. Überall war die Stadt vor dem Schloß da; in Berlin gab es das Schloß, und dann erst kam die Stadt. Nur etwa achttausend Einwohner hatte Berlin, als hier die erste Burg gebaut wurde. Dieses Schloß ist ausgelöscht worden. Es war durch den Bombenkrieg und die Straßenkämpfe schwer beschädigt worden: einige Flügel waren stark zerschossen, andere waren nahezu vollständig ausgebrannt. Aber große Teile des Schlosses waren noch so gut erhalten, daß hier sehr bald schon, als die Waffen schwiegen, Versammlungen und Ausstellungen stattfanden. Das Jahrhunderte jüngere Charlottenburger Schloß war weit schlechter durch den Krieg gekommen. Die erste berühmte Nachkriegsausstellung Hans Scharouns über den Wiederaufbau der zerstörten Reichshauptstadt wurde 1946 im Stadtschloß Unter den Linden eröffnet, und die Berliner gingen zu Zehntausenden durch die Trümmerwüste, um zu sehen, wie sie dereinst leben sollten.
Einige Monate brauchte man noch, um die Schäden des Daches zu beheben und die geborstenen Fenster neu zu verglasen. Dann waren so viele Räume wiederhergestellt, daß die verantwortlichen Museumsleute des Louvre ihre Schätze nach Berlin schickten. So gut war die Flucht von Sälen wieder instandgesetzt, daß der französische Militärgouverneur hier die erste große Ausstellung nach dem Kriege eröffnete: die Konservateure aus Paris hatten keine Bedenken gehabt, ihre Manets, Monets, Renoirs und Cezannes dort zu zeigen, wo einst die Kurfürsten, Könige und Kaiser gewohnt hatten. Übrigens war das Schloß nach der Revolution von 1918 ein Museum geworden, ganz wie der Louvre in Paris. Genau das hatte der erste frei gewählte Magistrat von Berlin mit dem wiederaufgebauten Schloß nach dem zweiten verlorenen Weltkrieg 1945 vor.
Jene französische Gemäldeausstellung, die acht Wochen nach Scharouns Ausstellung eröffnet wurde, war das große gesellschaftliche Ereignis der frühen Nachkriegsjahre, und es fand in jenem Königlichen Schloß statt, an dem von der Renaissance über das Barock bis zum Klassizismus Jahrhunderte gebaut hatten. Erst Caspar Theyß und dann Johann Gregor Memhardt hatten die uralte Burg umgebaut und ein wirkliches Schloß daraus gemacht: das war in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts. Die Hauptfront und den grandiosen Innenhof, der seinen Namen trug, hatte Andreas Schlüter gebaut, der größte Barockbaumeister und Bildhauer Nordeuropas, der dann nach St. Petersburg gegangen war. Nach ihm war Johann Eosander von Göthe gekommen und hatte den zweiten Schloßhof errichtet, der das barocke Pathos Schlüters ins Elegante wendete. Zum Schluß hatten alle Architekten des Klassizismus, von Erdmannsdorff über den älteren Gilly und Langhans, den Erbauer des Brandenburger Tors, bis zu Schinkel, Persius und Stüler, an seinem Innenausbau mitgewirkt, und manche waren der Meinung, daß dies Preußens größte Innenarchitektur gewesen sei.
Wer in Preußen und Berlin über die Jahrhunderte zur Verfügung gestanden hatte, der hatte in irgendeiner Weise am Schloß mitgebaut, so daß daraus am Ende so etwas wie ein Architekturmuseum geworden war, an dem sich die verschiedenen Schichten der Bau- und Stilgeschichte Preußens ablesen ließen. Beherrscht wurde es von der mächtigen Kuppel, die ihm um 1850 aufgesetzt worden war und deren ausgebranntes Gestänge noch im Ruinenzustand die Silhouette der Innenstadt bestimmte, bis zum Untergang des Staates wie der Stadt. Friedrich Wilhelm IV. ließ August Stüler eine Kuppel auf das Hauptportal setzen, zuvor war kein Geld dagewesen, oder die Architekten waren vorzeitig gestorben. Schließlich war Stülers Schloßkuppel doch eines der Wahrzeichen Berlins geworden, und sie überragte die Kuppel der Hedwigskirche und die der beiden Gontardschen Dome auf dem Gendarmenmarkt, die Friedrich der Große nach dem Vorbild der Doppelkirchen auf der Piazza del popolo in Rom hatte bauen lassen.
Der letzte Kaiser des spät gewonnenen und schnell verspielten Reiches, Wilhelm II., achtete streng darauf, daß kein profanes Bauwerk die Schloßkuppel überrage, und diese Hierarchie der Höhen hatte sogar zu einem ernsthaften Konflikt geführt, als der Architekt des Reichstagsgebäudes, Paul Wallot, gewagt hatte, mit seiner gläsernen Reichstagskuppel die Schloßkuppel um ein paar Meter zu übertreffen. Da stand im Verständnis des letzten deutschen Kaisers die Souveränität des Parlaments gegen die Souveränität des Monarchen von Gottes Gnaden. Der Reichstag mußte im wörtlichen Sinn zurückstecken und seinen Bau niedriger halten. So blieb das Schloß mit seiner Schloßkuppel der beherrschende Bau des alten Berlin. In dem Trümmermeer von 1945 war es wie ein Symbol, daß wenigstens die größte und bedeutendste Architektur der Stadt einigermaßen über den Krieg gekommen war. Dieses Schloß ließ Walter Ulbricht fünf Jähre nach dem Krieg abreißen, und weil das gar nicht ganz leicht ging, denn die Mauern waren zum Teil einige Meter stark, rückten Sprengkommandos an, die mit geliehenem sowjetischem Dynamit in monatelanger Arbeit Flügel für Flügel in die Luft sprengten. Nicht nur in den westlichen Stadtteilen, selbst im sowjetischen Sektor fanden Protestversammlungen statt. Kunsthistoriker aus der ganzen Welt, der siebzigjährige Richard Hamann aus Leipzig als Bannerträger voran, schickten Protestadressen, und sogar im Zentralkomitee der sich inzwischen „Sozialistische Einheitspartei Deutschlands“ nennenden Kommunistischen Partei regte sich Widerspruch. Auf einer dieser Versammlungen ergriff ein Liebknecht, der Neffe von Rosa Luxemburgs Liebknecht, selber ein alter Kommunist, das Wort: „Genossen, ich höre immer, daß die Zwingburg der Junker abgerissen werden müsse. Aber ich habe noch nie einen Junker mit einer Maurerkelle oder einem Hobel gesehen. Genossen, ihr wollt das Werk der deutschen Arbeiter zerstören. Das ist unser Schloß, nicht das Schloß der Hohenzollern.“ Aber es half alles nicht. Walter Ulbricht mochte das Schloß nicht, er wußte nichts von seiner Geschichte, begriff nicht seine Bedeutung, und er scherte sich auch nicht darum. Manche seiner ehemaligen Kampfgefährten, vor allem die Mitglieder seines Politbüros Wilhelm Zaisser und Rudolf Herrnstadt, die er später wegen einer angeblichen Parteirevolte stürzte, behaupteten sogar, daß er das Schloß immer schon als Symbol des alten Deutschland gehaßt habe.
Wichtiger wird sein, daß Walter Ulbricht auch darin dem Moskauer Vorbild sklavisch folgt: „Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen.“ Wie in Moskau vor dem Kreml der riesige Rote Platz seit der Zeit der ersten Volkskommissare ein Aufmarschgelände für Kundgebungen abgab, so mußte nun im Herzen Berlins eine gewaltige freie Fläche für „machtvolle Demonstrationen der Arbeiterklasse“ geschaffen werden, wie Wilhelm Pieck erklärte. Da Berlin in der Stadtmitte aber keinen freien Platz hatte, störte eben das Schloß.
Eine abgeräumte Leere, über die der Wind legte, hielt jahrzehntelang die Erinnerung an das einstige Zentrum Berlins wach: der Marx-Engels-Platz. Hier wurden zu jedem l. Mai die Tribünen aufgebaut, auf denen die Funktionäre von Politbüro, Zentralkomitee, Regierung und Volksarmee den Vorbeimarsch der von den Betrieben abgeordneten Massen abnahmen, auch darin dem sowjetischen Vorbild folgend, wo sich von Stalin bis Breschnew die Gewaltigen auf dem Dach des Mausoleums versammelten, in dem die konservierte Mumie Lenins liegt. Übrigens war das selbst für Rußland eine sonderbar archaische Totenehrung, nie war ein Zar mumifiziert und ausgestellt worden. Von der Antike über das Mittelalter bis zur Neuzeit wäre in Europa niemand auf den Gedanken gekommen, die toten Herrscher auszustopfen, damit sie jahrhundertelang angebetet werden könnten. Wie die Sowjetunion den ägyptischen Totenkult von vor fünftausend Jahren imitiert hatte, so ahmte nun Ost-Berlin das ferne Moskau nach, und gerade an jenem Ort, wo einst Berlins Schloß gestanden hatte.
Die Mitte Berlins, nämlich das Stadtschloß und seine Umgebung, war ein Ort der Fülle auch in baulicher Hinsicht gewesen. Auf alten Bildern ist noch zu sehen, wie die Quartiere der Handwerker und Bürger bis an die Mauern des Schlosses heranreichten. Es gab ja sonst in Preußen nur landgesessenen Adel, dessen Gutshäuser, das alte Herrenhaus der Bismarcks an der Elbe oder das der Marwitzens an der Oder, draußen in Brandenburg lagen. Nie hatte das Herrscherhaus die Aristokratie an den eigenen Hof gezogen, wie das in Frankreich der Fall gewesen war, wo die großen Familien alle ihre Stadtpalais' im Herzen von Paris haben mußten, die Rochefoucaulds wie die d’Ormessons. In Preußen saßen die Dohnas Hunderte von Kilometern entfernt in Ostpreußen, die Henckel-Donnersmarcks in Schlesien, die Thaddens in Pommern und die Kleists in Brandenburg. Um das Schloß herum drängte sich das Bürgertum, und die „Linden“ waren, die dynastischen und sakralen Plätze abgerechnet, eine bürgerliche Allee. Diese Straße reichte vom Ochsenmarkt im Osten, der später aus Anlaß eines Zarenbesuchs Alexanderplatz genannt wurde, bis zum Pariser Platz am Brandenburger Tor am anderen Ende der „Linden“. Sein Name sollte das Gedächtnis an den Einzug der verbündeten Monarchen Rußlands, Österreichs und Preußens in der Hauptstadt Napoleons bewahren.
Das war die klassische Meile des monarchischen Berlin, das paradoxerweise eine bürgerliche Stadt gewesen war. Auf alten Stichen – der berühmten „Linden-Rolle“ vom Anfang des neunzehnten Jahrhunderts – ist zu sehen, wie hier kleine, meist nur zweistöckige Häuser einander drängten, wo Konditormeister neben Offizierswitwen, Handschuhmacher neben märkischen Adelsfamilien wohnten, eine Mischung der Stände, die in Sichtweite des Schlosses fast demokratisch anmutete, wenn denn dieses Wort in jener Zeit irgend etwas bedeuten würde. Das war das Zentrum der sonderbaren Militärmonarchie der Hohenzollern. Nur ganz oben. in der unmittelbaren Nähe der Residenz des Herrschergeschlechts, standen die Bauten des Staates: das Zeughaus voran, dann das etwas einfältige Palais des Prinzen Heinrich, des Bruders Friedrichs des Großen, danach die Königliche Bibliothek und schließlich die Hofoper neben jener Hedwigskirche, die Friedrich für den katholischen Adel der neugewonnenen Provinz Schlesiens bauen ließ. Auf der anderen Seite des Schlosses aber begann schon das Gewirr der Gassen, neben denen der Marstall lag, in dem dann auch die Akademie Platz finden mußte, woher das Wort kommt, daß in Preußen immer die Mulis neben den Musis wohnen.
Aber alles, die engbrüstigen Häuser der Handwerker und die bescheidenen Palais’ des Adels, über die man in Paris gelächelt hätte, war auf das Schloß bezogen, das sie alle überragte. Kam man vom Tiergarten her durch das Brandenburger Tor, so ragte seine dunkle Masse in der Ferne auf und gab den „Linden“ Halt. Sie waren ja erst Jahrhunderte später angelegt worden und bezogen sich bis auf die Einzelheiten hinein auf das Schloß. Warum laufen die „Linden“ jetzt so merkwürdig diagonal in Richtung Osten und enden im Nichts? Selbst aus der Leere, auf der nun sinnlos verloren, einem provinziellen Warenhaus gleich, der nach hinten versetzte „Palast der Republik“ als Monument für das Honecker-Regime steht, kann man schließen, daß hier einmal etwas gewesen sein muß. Warum steht das Alte Museum so sonderbar am Auftakt zur Museumsinsel, leicht in der Achse gewendet, so daß es den Eindruck macht, es müsse auf etwas bezogen gewesen sein? Schinkel, dessen Meisterwerk der flache Bau mit seiner Säulenvorhalle ist, hatte mehr als ein Dutzend Zeichnungen gemacht, bevor er Baumasse, Lage und Winkel des Museums endgültig festgelegt hatte, damit es im rechten Verhältnis zum Schloß stehe.
Sehr auffällig, daß die größten Bauanstrengungen der in den Napoleonischen Kriegen wider Erwarten siegreich geblichenen Monarchie nicht königlichen Palästen und staatlichen Repräsentationsbauten galten, sondern eben dem Museum und dem ebenfalls von Schinkel entworfenen Schauspielhaus, Stätten der bürgerlichen Bildung; nicht ein Schloß Berlins ist nach dem achtzehnten Jahrhundertgebaut worden, während doch die Repräsentationslust der Habsburger, Romanows und Windsors gerade im neunzehnten Jahrhundert eine späte Nachblüte erlebte. Die Stadt an der Spree ist im neuen Jahrhundert erst einmal die Stadt der Bildungsbauten, dann die der Verkehrs- und Industriearchitektur.
Aber all diese Schauspielhäuser, Opern und Museen standen eben, anders als in London oder Paris, wo sie über die Stadt verteilt sind, nur einen Steinwurf weit vom Schloß entfernt. Jetzt aber steht das Alte Museum wunderlich verloren an seinem Platz. Das Schloß, der Maßstab seiner ganzen Umgebung, ist nicht mehr da. Aber auch die Handwerker- und Bürgerhäuser im Süden und Osten sind abgeräumt worden, um „Magistralen“ nach moskowitischem Beispiel Platz zu machen. Ein Areal von zwölfbahnigen Rennstrecken, auf denen bis zur Wende die Trabants fuhren. Miniaturautos aus Leukoplast.
Das alles führt die Großmannssucht eines gescheiterten Sozialismus geradezu zum Greifen anschaulich vor mit einem Fernsehturm als Symbol – dem einzigen Fernsehturm Europas, der als Stadtmitte gedacht war, denn dergleichen gibt es nicht einmal in Moskau neben dem Kreml, von Paris oder London zu schweigen. Die meist berufslosen Berufskommunisten – wie Schabowski, Krenz und Herrmann –, die im Politbüro zusammensaßen, hatten niemals eine Handwerkerausbildung hinter sich gebracht, gar eine Gesellen- geschweige denn eine Meisterprüfung gemacht; Honecker war mit seiner Dachdeckerlehre eine Ausnahme. Sie sahen wohl tatsächlich in dem neuen Alexanderplatz ihren Anspruch auf Weltniveau befriedigt. Ob sie, all die Mittags und Axens, allen Ernstes glaubten, die Tristesse des Marx-Engels-Platzes sei der sozialistische Städtebau der Zukunft? Das jedenfalls war die real existierende Stadtplanung des Sozialismus, der alle seine eigenen Traditionen verraten hatte. Keine mustergültigen Arbeitersiedlungen wie in der Weimarer Republik, keine in die Zukunft weisenden Industriebauten, wie sie das späte Kaiserreich mit Siemens, Krupp und Borsig gegeben hatte, keine Staatsbauten, wie sie die Moskauer Wettbewerbe nach der Oktoberrevolution ausgeschrieben hatten („Sozialismus ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung“) und an denen sich in den zwanziger Jähren die Avantgarde der westlichen Welt beteiligt hatte, von Walter Gropius über Perret bis zu Le Corbusier.
Selbst auf seinem eigenen Feld war der Sozialismus gescheitert, und fährt man heule durch die müden Relikte dieser zerbrochenen Revolution, so stehen seine Hinterlassenschaften Bausteinen aus einem Märklin-Baukasten gleich sinnlos herum. Was das untergegangene Regime den vergifteten Äckern, der verpesteten Luft, den verdorbenen Flüssen angetan hat, ist schlimm genug; am sichtbarsten ist seine Erbschaft in Deutschlands Städten, in denen es eine Wüste hinterlassen hat. Trümmer schaffen ohne Waffen - dieser bittere Vers aus den späten siebziger Jahren war zehn Jahre später wahr geworden.
Das Stadtschloß aber war jenseits dessen, was es für sich selbst bedeutete, der Bezugspunkt jener historischen Mitte Berlins, die von dem Pariser Platz im Westen, dem Gendarmenmarkt in der Mitte, dem Alexanderplatz im Osten und dem Belle-Alliance-Platz im Süden begrenzt wurde. Dieses Geviert war in vielerlei Hinsicht eine städtebauliche Heraufrufung des Platzmusters von Rom, denn die Ewige Stadt war ja auch von ihren vier Platzräumen eingegrenzt, der Piazza di Spagna, der Piazza del Popolo, der Piazza Navona und der Piazza Venezia. Wie dort alles auf das antike Rom bezogen war, so erhielt hier das Einzelne seinen Halt durch die gewaltige Masse des Schlosses. Daher geht die Diskussion darüber, ob der Bau, an dem viele Jahrhunderte gearbeitet hatten, kunsthistorisch zu den großen Werken der europäischen Architekturgeschichte gehörte oder ob Versailles und Schönbrunn bedeutender waren, an seiner wirklichen Bedeutung vollkommen vorbei.
Das Berliner Schloß war nicht nur, vielleicht sogar nicht einmal in erster Linie seiner selbst willen wichtig, sondern der anderen Bauten wegen, die ohne es nun ihre Bedeutung verloren haben. Das gilt selbst für die Brücken, die einst die Museumsinsel und die Schloßfreiheit verbanden und die Spree und den Kupfergraben überspannten. Warum kämpfte die späte Honeckerwelt eigentlich so verzweifelt um die Rückgabe der in den Kriegswirren nach West-Berlin verbrachten Figurengruppen, die nach Schinkels Vorzeichnungen die Schloßbrücke gesäumt hatten?
Die empfindlichen Marmororiginale, die niemals mehr in der giftigen Luft des Verkehrs aufgestellt werden durften, hatte in den achtziger Jahren der Westberliner Senat im Tausch gegen das Archiv der Porzellan-Manufaktur an Ost-Berlin zurückgegeben, das die gebrechlichen Meisterwerke sogleich in den Ruß des Kraftwerks Klingenberg und den Auspuffqualm der Trabanten aufstellte. Aber nun stehen die Heldenjünglinge auf ihren Sockeln – gleich ob Originale oder Repliken – sinnlos im Nichts und werden langsam aber sicher in der vergifteten Luft verrotten und zerbröckeln. Die Frage eines Wiederaufbaus des Stadtschlosses gilt also nicht so sehr dem Schloß selber als dem klassischen Zentrum Berlins. Auf was werden die „Linden“ zulaufen, wenn der „Palast der Republik“ über kurz oder lang entfernt werden wird? Denn der Abriß ist unvermeidlich, nicht etwa weil er ein Symbol des zerbrochenen Staates gewesen wäre und nicht einmal, weil seine architektonische Mediokrität alles beschädigt, was in seiner Nähe steht. Zumindest ebenso wichtig ist, daß diese sozialistische Mehrzweckhalle am falschen Ort mit falschem Winkel steht und ihr Volumen nicht ausreicht, Knobelsdorffs Oper, Nerings Zeughaus, Boumans Universität und Schinkels Museum aneinander zu binden.
Das war ja die eigentliche Funktion der Architektur des Schlosses, daß es durch sein pures Dasein so Verschiedenartiges zusammenhalten konnte – die barocke Gewalt des Zeughauses, das englischgebändigte Rokoko der Oper, den vergleichsweise simplen Palladianismus vom Palais des Prinzen Heinrich und die reine Linie von Schinkels Klassizismus. Dieser Zusammenhang von Nichtzusammengehörendem war das eigentliche Wunder der „Linden“, und Vergleichbares gab es in keiner anderen Stadt Europas, weshalb man dann in St. Petersburg diesen Boulevard „die glänzendste Perspektive“ Alteuropas nannte. Was sind die „Linden“ ohne das Schloß?
Das Argument der Kosten spielt aber in solchem Zusammenhang ernsthaft überhaupt keine Rolle; man entscheidet Fragen dieser Art nicht mit dem Rechenschieber. Erstens wird niemand daran denken, das Schloß heute oder morgen wieder aufzubauen, und zweitens ließe sich durch die Einsparung der etwa achthundert Millionen für das geplante Deutsche Historische Museum nach Aldo Rossis geistreich-eklektizistischem Entwurf zumindest die äußere Hülle des Schlosses sofort aufführen. Die andere Milliarde könnte nach dem Wiederaufbau Ostdeutschlands kommen, nach einem Jahrzehnt oder auch nach einer weiteren Generation. Das macht nichts.
Die neuesten Bonner Schätzungen des Finanzbedarfs der neuen Bundesländer gehen auf zumindest eintausend Milliarden Mark, die des Bundeswirtschaftsministeriums auf eintausendfünfhundert, die von Schweizer Wirtschaftsforschungsinstituten auf zweitausend Milliarden. Der Wiederaufbau des Schlosses kostete also nichts Nennenswertes, nämlich 0,01 bis 0,02 Prozent. Wer will eine nationale Aufgabe, die sich das arme Polen mit dem Warschauer Königsschloß gleich nach dem Krieg leistete, ernsthaft dagegen aufrechnen?
Und es gäbe in republikanischer Zeit keine Verwendung für ein Schloß? Warum sollte man denn das wiedererstandene Bauwerk nicht als Historisches Museum nutzen? Meint man ernstlich, die historistische Zitatarchitektur von Stirling, Rossi und Krier sei originaler als ein rekonstruiertes Schloß?
Nach dem Krieg hat man das Argument der mangelnden Authentizität immer wieder gehört. Kunsthistoriker und Architekten führten es gleicherweise ins Feld. Die Reste von Xantens romanisch-gotischem Dom aus dem 13./16. Jahrhundert wollten damals die Kunsthistoriker abreißen, da sein Wiederaufbau, wie der Denkmalpfleger als Gutachter versicherte, nur eine Fälschung ergeben würde. Das romanische Meisterwerk wurde von einem einzelnen gegen den Zeitgeist auf eigene Faust wiederhergestellt, wofür er übrigens Jahrzehnte später den Schinkelpreis erhielt.
Das Frankfurter Goethe-Haus war so gut wie nicht mehr vorhanden, und unter der Anführung der Fachleute wurde gegen seinen Wiederaufbau protestiert. Walter Dirks, mit Eugen Kogon zusammen Herausgeber der „Frankfurter Hefte“, beschwor das Land Hessen wie die Stadt Frankfurt, seinen Wiederaufbau nicht zuzulassen. Der Geist des Hirschgraben und des Frauenplans habe die Barbarei nicht verhindern können; seine Kopie laufe auf eine Verfälschung der deutschen Geschichte hinaus. So ging es in fast jeder deutschen Stadt zu, und fast immer blieben die Puristen siegreich. Hunderte von Bauten von Ulm bis Braunschweig hätten gerettet werden können, hätten nicht fehlgeleitete Doktrinen dem 5. Bomberkommando nachgeholfen. Nur zuweilen retteten Volksaufstände das Bedrohte vor den Denkmalpflegern. Das Stuttgarter Neue Schloß war vom Oberbürgermeister der Stadt und vom Ministerpräsidenten des Landes Baden-Württemberg schon zum Abriß freigegeben, wie das Braunschweiger Welfen-Schloß ja tatsächlich Jahre nach denn Krieg aus solchem Ehrlichkeitswahn beseitigt wurde. In Stuttgart aber retteten Bürger die eigene Geschichte; lange vor den Ereignissen um die Frankfurter Alte Oper bildete sich eine Bürgerbewegung gegen kunsthistorischen Expertenverstand und politischen Willen zum Neuen und trotzte dem Gemeinwesen den Wiederaufbau des Neuen Schlosses ab. Jetzt gibt Württembergs Landesregierung dort ihre Staatsempfänge.
Und Schinkels Neue Wache, deren Rettung der Ostberliner Denkmalpfleger mit Hilfe des sowjetischen Oberkommandos gegen Erich Honecker durchsetzte, der persönlich die Resolution der Partei formuliert hatte, in der ihr Abriß vom Generalsekretär verlangt wurde? Walter Ulbricht wollte dafür Schinkels schwer beschädigtes Altes Museum wiederaufbauen als Mahnmal für den antifaschistischen Kampf der Arbeiterklasse. In Berlin geht der Besucher heute die „Linden“ entlang am Kronprinzenpalais vorbei, und er dankt dem Geschick, daß wenigstens dieser Bau überdauerte. Aber in Wirklichkeit war das Kronprinzenpalais nicht mehr vorhanden. Weit schwerer beschädigt als das Schloß, wurde es nach dem Krieg abgerissen; jahrelang erinnerte nur eine mit Wasser gefüllte Baugrube an das einstige Prinzenpalais. Plötzlich befand man, daß eine inzwischen etablierte Regierung ein Gästehaus brauche, und so wurde das Palais nach den alten Plänen, Zeichnungen und Photographien neu aufgebaut. Nicht ein einziger Stein des heutigen Kronprinzenpalais’ ist original. Die Geschichte hat die Gewissenhaftigkeit der Puristen besiegt, nach deren Argumenten niemand mehr fragt, wenn das nachgeahmte Alte selber alt geworden ist.
Die Auseinandersetzungen über einen Wiederaufbau des Schlosses gehen an der Sache vorbei. Natürlich ist ein wiederhergestelltes Schloß nur eine Replik; soviel an originalen Fassadenteilen, Gesimsen und Skulpturen sich auch noch finden lassen mag, niemals mehr wird ein originaler Bau aus Renaissance, Barock und Klassizismus entstehen. Es wird in jedem Falle nur eine Kopie sein, und man muß das deutlich sagen, wenn man sich nicht in die Phalanx jener Nostalgiker einreihen will, die in allen Himmelsrichtungen nach Argumenten suchen, ein wiederaufgebautes Schloß besitze doch so etwas Authentizität. Die wird es nie wieder haben.
Was wird im Zusammenhang des Streites um einen Wiederaufbau des Schlosses nicht alles von der Authentizität in der Architektur geredet, vor allem von jenen, die das Originale von dem nur Nachgeahmten gar nicht zu unterscheiden wissen. Alle Welt bewundert den Knobelsdorffschen Palladianismus des Opernhauses unter den „Linden“. Viele wissen, daß der Bau Ende des Krieges schwer beschädigt wurde, und erst Jahrzehnte nach dem Krieg wiederhergestellt wurde. Einige wissen sogar, daß die Staatsoper zu Anfang des Krieges schon einmal von Bomben getroffen wurde und in einer Gewaltanstrengung mitten im Krieg wiederaufgebaut worden war. Wir fahren heute die „Linden“ an Kopien entlang, an Schinkels Ende des Krieges zerbombter, Jahre später zum Teil eingestürzter Neuer Wache, an Stracks als Kopie wiederaufgebautem Kronprinzenpalais und Knobeldorffs gleich dreimal rekonstruierter Oper: Die Baugeschichte Berlins ist, wie die ganz Europas, eine Geschichte von Falsifikaten. Aber es geht nicht um die Authentizität eines einzelnen Bauwerks. Man hat nicht das Schloß, sondern die Stadt im Auge, und insofern sind das wiederaufgebaute Goethe-Haus in Frankfurt und das restaurierte Schiller-Haus in Weimar unzulängliche Beispiele. Frankfurt und Weimar haben durch die Imitationen des Einstigen ja nichts gewonnen als eben diese musealen Häuser. In Berlin ist aber nach allen Erfahrungen der Nachkriegszeit schwer vorstellbar, daß die Innenstadt wiedergewonnen werden kann, wenn nicht das Stadtschloß zumindest in seiner äußeren Gestalt neu geschaffen werden wird.
Es geht, um die Sache auf die Spitze zu treiben, um die Rettung der Stadtgestalt. Natürlich läßt sich gegen die Beispiele vom Wiederaufbau von Kirchen, Schlössern und Museen einwenden, daß diese in der Vergangenheit zumeist in veränderter, zuweilen in gänzlich neuer Form wiederaufgebaut worden seien, weshalb dann romanische Dome beim Wiederaufbau gotische Portale, Renaissancepaläste barocke Fassaden erhielten und Rokokoschlösser auf klassizistische Weise wiederhergestellt worden seien. Aber eben diese Kraft hat die Gegenwart nach allen Erfahrungen der zurückliegenden Zeit verloren. Die Versuche der Nachkriegszeit, das beschädigte Alte modernisierend mit dem Stilwillen unserer Zeit wiederherzustellen - Luckhardts Experiment mit dem Bremer Rathausplatz, die von Scharoun erzwungene Modernisierung des Reichstags und die Gesichtslosigkeit der unter Federführung des Werkbunds 1948 erneuerten Paulskirche in Frankfurt-, führen allzu deutlich vor Augen, daß zwar ein Weg von der Romanik zur Gotik führte, aber keine Straße vom Bauhaus zum Barock.
Die wirkliche Entscheidung, vor der die Stadt steht, liegt also in der Antwort, die Berlin auf die Frage geben wird, ob man der Gegenwartsarchitektur zutraut, daß sie das Loch, das die Sprengung des Schlosses im Gesicht Berlins hinterlassen hat, zu füllen vermöge. Auf diese Frage pflegen die Architekten, die in den verflossenen Jahrzehnten in fast jedem Einzelfall falsche Ratschläge gegeben haben, den scheinbar einleuchtenden Gesichtspunkt ins Feld zu führen, daß schließlich jede Epoche aus dem Geist ihrer Zeit bauen müsse, und mit frommem Populismus fügen sie hinzu, daß sie nicht so gering von der eigenen Zeit denken.
Aber mit diesem Argument ist es mißlich bestellt. Bleiben wir, da es um das Berliner Stadtschloß geht, bei Berliner Beispielen. Dann hätte man also in den sechziger Jähren an das Ende der „Linden“ Scharouns monströse Staatsbibliothek mit dem Charme eines Atlantikwall-Bunkers gestellt, die schon heute sein eigenes Kulturforum ruiniert, weshalb dann Mies van der Rohe beklagte, daß seine Neue Nationalgalerie mit Scharouns anthroposophischer Architektur konfrontiert werde. In den Siebzigern hätte man Schülers Internationales Congress Centrum gleich neben Knobelsdorffs Oper und als Widerpart von Schinkels Altern Museum gestellt. Und wieder ein Jahrzehnt später wäre dann an den Boulevard ein Bau aus dem Geist von Heinrichs’ Autobahnüberbauung an der Schlangenbader Straße gestellt worden. Kann man sich Zeitgeist-Architektur dieser Art an Deutschlands einzigem klassischen Boulevard vorstellen? Es sind die drei Bauten Berlins, die am ehesten noch an das Volumen des Schlosses heranreichen. Damit man das nicht falsch versteht: Hier werden nicht aus polemischen Gründen absurde Monstren der zeitgenössischen Architektur genannt, von denen ja genug namhaft gemacht werden könnten. Alle drei Architekten sind unverächtliche Baumeister der Gegenwart, zählen zu den besten Köpfen der Nachkriegsarchitektur, immer wieder mit großen Architekturpreisen bedacht.
Soll man westdeutsche Exempel heranziehen, etwa das Beispiel der provisorischen Hauptstadt Bonn? Hier war Jahrzehnte hindurch Gelegenheit, das der modernen Architektur Mögliche an Dutzenden von öffentlichen Gebäuden vorzuführen – an einem Bundeskanzleramt, einem Konzerthaus, der Beethovenhalle und an fast zwanzig neuen Ministerien, die zusammengenommen die größte Bauanstrengung des neuen Staates ergeben, der sich so seinen auswärtigen Besuchern empfiehlt. Fährt man heute die Adenauerallee von Godesberg nach Bonn, so fällt kein einziges Gebäude in die Augen, das man im wiedervereinigten Berlin sehen möchte. Dabei sind das nicht provisorische Zweckbauten, etwa weil sie für ein politisches Provisorium gebaut worden seien. In jedem Einzelfall sind es Gebäude von Kunstanspruch, mit dem „Langen Eugen“ von Egon Eiermann als Ausrufungszeichen. Sie haben die Ausstrahlung einer kleinstädtischen Assekuranz. Jene Akademien, Hochschulen und Architektenverbände, die sich auch jetzt wieder zu Wort melden, stellten auch damals die Gutachter und Preisrichter; würde man die Namen der Experten, die für das neue Bonn verantwortlich waren, heute veröffentlichen, so hätte man ein nahezu lückenloses „Who is Who“ derer, die in den verflossenen Jahrzehnten das Sagen in Deutschland hatten. Der Staat hat sich über die Fachleute nicht hinweggesetzt, er ist ihnen nur allzu getreu gefolgt. Woher nehmen sie jetzt nur immer das gute Gewissen, man müsse ihrer Weisheit folgen? „Ich habe keine Zeit, mich mit meinen alten Fehlern zu beschäftigen; ich bereite mich auf meine neuen vor“, so Brecht.
Aus Betrachtungen dieser Art spricht natürlich Resignation. Die moderne Architektur hat so Mustergültiges zustandegebracht wie das Bauen früherer Epochen. Niemand wird Mies van der Rohe, Gropius, Corbusier und Frank Lloyd Wright gering schätzen, das Bauen des späten 19. Jahrhunderts hat Mühe, gegen es aufzukommen. Aber nicht in einem einzigen Fall hat es das Neue Bauen fertiggebracht, die Mitte einer Metropole aus dem Nichts zu entwerfen; Brasilia, Dacca und Chandigarh sind melancholisch stimmende Beispiele. Ist es nicht ein schreckenerregender Gedanke, daß Le Corbusier seine Berliner Cité radieuse statt neben dem Olympiastadion wirklich in der Stadtmitte gebaut hätte, wie er das ursprünglich von Berlins Bauverwaltung verlangte? Wollte Gropius nicht am Ufer der Havel zwischen Pichelsdorf und Wannsee Reihungen von Hochhäusern errichten, um ein Ausufern der Stadt ins Land hinein zu verhindern? Nahm er, sekundiert von seinem Dessauer Schüler Wils Ebert, diese Lieblingsidee nicht in dem absurden Viertel in Buckow-Rudow wieder auf, das seinen Namen trägt? Soll man die Dutzende von Vorschlägen in Erinnerung rufen, die von dem Projekt einer Avus-Überbauung vom Funkturm bis nach Wannsee bis zu den Wunderlichkeiten reichen, die jüngst im Frankfurter Architekturmuseum als Projekte für das neue Berlin versammelt waren? Ach, die Baugeschichte hat selten solche Aufschwünge wie in dieser zweiten Nachkriegszeit gesehen und kaum jemals ein vergleichbares Desaster erlebt. Wer die Gremien von immer neuen „Weisen" und „Stadtforen“ lange genug verfolgt und beobachtet hat, wie jeder Moderne eine Vulgärmoderne und dieser dann eine Postmoderne folgt, bis das Spiel von neuem beginnt, kehrt zu Carlo Schmids Satz zurück: „Wehe dem Staat, der auf seine Intellektuellen nicht hört. Doppelt wehe dem Staat, der ihnen folgt!“
In diesem Sinne läßt sich sagen, daß eine Wiederherstellung des Schlosses natürlich nur ein Notbehelf ist, nachdem es die zur Macht gelangten Kommunisten abgerissen haben. Man kann nur eine Kopie zustande bringen, wie man das vor einigen Jahrzehnten mit dem Kronprinzenpalais bewerkstelligte. Warum soll man bestreiten, daß eine Replik des Stadtschlosses unter denkmalpflegerischen Gesichtspunkten ein Falsifikat wäre? Das Original läßt sich niemals wieder gewinnen, und wenn man tausend Einzelteile findet, die man in den Neubau einfügt. Aber es gibt keine andere Möglichkeit, die Stadt als Stadt zu retten, und deshalb wird man nicht triumphierend, sondern resignierend das Verlorene mit Abschiedsschmerz wiederherstellen müssen.
