„Blasphemie“ und „Wiedergeburt“ – Religiöse Metaphorik in der Rekonstruktionsdebatte
Die Argumente, die Rekonstruktionsgegner wie –befürworter vor dem Hintergrund der Debatten um den Wiederaufbau historischer Gebäude ins Feld führen, sind vielfältig und von höchst unterschiedlicher Qualität. Im Folgenden soll eines dieser Argumente einer näheren Betrachtung unterzogen werden, nämlich der von Rekonstruktionsgegnern zuweilen erhobene Vorwurf, der Wiederaufbau eines zerstörten Gebäudes sei im Grunde der unangemessene Versuch, einen „Verstorbenen“ wieder ins „Leben“ zurückzurufen.
Schon im Werk Georg Dehios taucht die Vorstellung auf, die Rekonstruktion nicht mehr existierender Gebäude sei „pietätlos“ (siehe hierzu auch M. Rothhaar: Die Wiedergewinnung der Städte). Es wird also gewissermaßen eine Art „Respekt vor den Toten“ eingefordert, der angeblich nur im völligen Verzicht auf jegliche Wiederherstellungabsicht zum Ausdruck kommen könne – es sei also angebracht, um bei diesem Bild zu bleiben, die Toten in Frieden ruhen zu lassen.
Dass die in den Ausführungen Dehios zum Ausdruck gebrachte Vorstellung auch im Denken der Architekten unserer Zeit noch immer eine Rolle spielt, zeigen die folgenden Worte des Architekturhistorikers Hanno-Walter Kruft: „Zerstörung ist der historische Extremfall eines zeitlichen Verschleißes, dem jedes Monument unterworfen ist. Zerstörung ist Mord im Sinne eines vorzeitigen Todes, der unter natürlichen Alterungsbedingungen wesentlich später eingetreten wäre. Tote, auch Ermordete, lassen sich bekanntlich nicht zum Leben erwecken.“
Nun sind Gebäude jedoch Gebäude und eben keine Lebewesen. Daher kann ein Gebäude weder „sterben“ noch „wiederauferstehen“. Werden diese Begriffe dennoch im Zusammenhang mit Architektur verwendet, so handelt es sich um Metaphern. Das Grundprinzip der Metapher ist das „als ob“: Wenn wir von einem Gebäude sagen, dass es gestorben ist, dann tun wir so als ob das Gebäude ein Lebewesen wäre, das zu sterben in der Lage ist. Keineswegs ist es so, dass das Gebäude wirklich in einem biologischen oder religiösen Sinne lebt oder stirbt.
Es versteht sich daher von selbst, dass man jede Metapher auch zu weit treiben kann. Dass sich das Begriffspaar „Leben und Tod“ durchaus sehr gut dazu eignet, die Dauer der physischen Existenz eines Gebäudes und seine Zerstörung mittels einer bildhaften Formulierung treffend darzustellen, ist unbestritten. In dem Moment aber, in dem das, was rein metaphorisch zu verstehen ist, mit allen daraus resultierenden Konsequenzen wörtlich genommen wird, entsteht ein logischer Bruch. Dabei werden die Grenzen dieser Metapher sehr schnell nur allzu deutlich: Einen Toten kann man nicht ins Leben zurück rufen, also stellt sich auch erst gar nicht die Frage nach der Angemessenheit eines solchen Vorgangs. Aber man kann ein Gebäude wiederaufbauen. Da ein Haus in Wirklichkeit nicht lebt und folglich auch nicht stirbt, braucht es auch nicht „zum Leben erweckt“ oder „wiedergeboren“ werden. Ein Wiederaufbau ist demzufolge eine areligiöse Angelegenheit und daher auch kein Sakrileg – es sei denn, man möchte aus seiner Architekturtheorie eine Religion machen.
Kurz: Während die Befürworter von Rekonstruktionen von Vertretern der Fachwelt häufig als realitätsferne Romantiker bezeichnet werden, sind es in Wahrheit die Rekonstruktionsgegner, die romantisierend vom „Tod“ eines Gebäudes sprechen und auf dieser Grundlage eine „Wiedergeburt“ kategorisch ablehnen. Diese Argumentationsweise lässt eine Geisteshaltung erkennen, die in der Rekonstruktionsbewegung unserer Zeit ein Aufbegehren gegen die Ordnung der Welt ausgemacht haben will. Entsprechend nennt auch der Denkmalpfleger Georg Mörsch die Rekonstruktionsbestrebungen der letzten Jahre eine „geradezu blasphemische Mode“. Die Wortwahl Mörschs zeigt beispielhaft, wie auch im nichtreligiösen Bereich der Vorwurf der „Blasphemie“ vor allem dann leichtfertig erhoben wird, wenn Dogmen (in diesem Fall denkmalpflegerischer Natur) kritisch hinterfragt werden.
Derartige Vorstellungen sind keineswegs auf die Architektenzunft und die Reihen der Denkmalpfleger beschränkt. So meint beispielsweise der Frankfurter Psychoanalytiker und bekennende Rekonstruktionsgegner Wolfgang Leuschner zu wissen: „Hier wurzelt ein Affekt, der sich religiöser Metaphern bedient – historisierende Bebauung firmiert deshalb als ‚Wiederauferstehung‘. Fachwerk soll kommen, weil die ihm zugeschriebene, nun religiös angereicherte Symbolik helfen soll, Geschichte 'zurückzudrehen' und umzuschreiben.“
Obige Passage, einem im Herbst 2005 in der Frankfurter Rundschau erschienenen Artikel Leuschners entnommen, kann als repräsentatives Beispiel für eine bestimmte Art von Argumentationsstrategie seitens jener Kreise dienen, die eine Rekonstruktion ablehnen: Die religiösen Metaphern – und hier besonders der Begriff der „Wiederauferstehung“ – wurden keineswegs, wie Leuschner es darstellt, von den Befürwortern der Rekonstruktion in die Debatte eingeführt, sondern von ihm selbst. Leuschner meint, in den Bestrebungen für den Wiederaufbau der Frankfurter Altstadt quasi-religiöse Motive zu entdecken und bringt diese auf einen Begriff, nämlich den der „Wiederauferstehung“, der aber in diesem Zusammenhang natürlich seine eigene Wortschöpfung darstellt. Auf dieser Grundlage kann er nun von „religiösen Metaphern“ und „religiös angereicherter Symbolik“ sprechen, ohne den Nachweis erbringen zu müssen, dass sich auch nur ein einziger Rekonstruktionsbefürworter tatsächlich von solchen Vorstellungen leiten lässt. In den zahlreichen Leserbriefen und auf den nicht minder zahlreichen Diskussionsveranstaltungen taucht eine derartige religiös orientierte Argumentationsweise seitens der Befürworter jedenfalls nicht auf. Um an dieser Stelle selbst ein Bild zu bemühen: Leuschner stellt in seinem Artikel einen Pappkameraden auf („so sind die Rekonstruktionsbefürworter“), um anschließend darzulegen, wie eindrucksvoll er ihn umzustoßen vermag. Zudem wird noch der Eindruck erweckt, bei dem Artikel handelte es sich um die Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen eines namhaften Psychoanalytikers, wo in Wahrheit eine politische Streitschrift vorliegt.
Um dem Thema den ideologischen Ballast zu nehmen, ist es nötig darauf zu verweisen, dass eine von Rekonstruktionsbefürwortern gebrauchte bildliche Rede von „Wiederauferstehung“ keineswegs generell als unangemessen zurückzuweisen ist. Wie im Falle des bereits genannten Begriffspaares „Leben und Tod“ gilt auch hier, dass die Metapher nicht verabsolutiert, nicht wörtlich verstanden werden darf. Schriebe eine Zeitung über eine einst abgestiegene, nun wieder erfolgreiche Fußballmannschaft „Der Verein ist wiederauferstanden“, so wäre der Gebrauch der Metapher sicherlich nicht religiös motiviert. Es handelt sich schlicht und einfach um einen üblich gewordenen Ausdruck, der völlig losgelöst von seinem ursprünglichen Kontext gesprochen und verstanden wird. Entsprechend darf auch bei einem Befürworter von Rekonstruktionen historischer Gebäude, der von „Auferstehung“ spricht, in der Regel angenommen werden, dass das Kriterium „Anschaulichkeit“ für seine Wortwahl ausschlaggebend war, nicht aber ein bewusstes oder unbewusstes religiöses Empfinden. Im Prinzip bewegt sich der Sprecher nur innerhalb desselben Bildes, das die Gegner der Rekonstruktion durch ihre „Leben und Tod“-Metaphorik zuvor bemüht haben. Dennoch kann Leuschner von dem oben dargelegten Vorwurf nicht freigesprochen werden, denn im Falle des Frankfurter Rekonstruktionsstreits wurden die entsprechenden Begriffe in der öffentlichen Debatte tatsächlich von niemand anderem als ihm selbst gebraucht.
Die angeführten Beispiele sollten genügen; sie machen die übliche Vorgehensweise bereits überdeutlich: Erst wird die Metapher vom „lebenden“ Bauwerk eingeführt, das bei seiner Zerstörung „stirbt“ – um dann anschließend den Befürwortern von Rekonstruktionen vorwerfen zu können, sie bedienten sich einer Auferstehungsmetaphorik. Doch zweifellos ist das Bild der "Auferstehung von den Toten" erst dadurch möglich geworden, dass zuerst das Bild vom „Leben und Sterben“ des Gebäudes bemüht wurde. Es ist dem Architekturhistoriker Wolfgang Schäche Recht zu geben, wenn er von einer „aggressiv aufgeladenen christlichen Religionsvorstellung von der Einmaligkeit des irdischen Lebens und der Vergänglichkeit des Physischen“ spricht, welche von jenen, die Rekonstruktionen entschieden ablehnen, in unangemessener Weise auf die Architektur übertragen wird. Erstaunlich ist hierbei natürlich, dass gerade die Seite im Rekonstruktionsstreit, die für sich in Anspruch nimmt, rational und wissenschaftlich zu argumentieren, von Blasphemie und Pietätlosigkeit spricht; von Kategorien also, die man nicht in einer wissenschaftlichen Diskussion erwarten würde, sondern in der Sprache des religiösen Eiferers in gänzlich anderen Zusammenhängen. Es lässt darauf schließen, dass Teile der Fachwelt ihre Positionen tatsächlich in einer Art und Weise verinnerlicht haben, dass sie sie wie unumstößliche Glaubensgrundsätze verteidigen und jedwede Kritik an ihrem Dogmatismus als eine Art ketzerischen Verhaltens empfinden. Bedenklich stimmt hierbei, dass sie ihre eigene innere Verfasstheit offensichtlich nicht erkennen und sogar noch auf die Gegenseite projizieren.
