Kriegszerstörungen und Nachkriegsstädtebau


Um den starken Wunsch vieler Menschen nach Rekonstruktionen und Stadtreparatur verstehen zu können, ist es hilfreich, sich das Ausmaß der Zerstörungen von Gebäuden, Städten und Stadtbildern zu vergegenwärtigen. Hierbei ist es zweckmäßig, zwischen Kriegszerstörungen, welche die Folgen des Bombenkrieges sowie direkter Kampfhandlungen umfassen, und den Nachkriegsabrissen unterscheiden. Letztere kann man von der Ursache her dem Nachkriegsstädtebau und den politisch gewollten Abrissen zuordnen.

 

1. Zerstörungen im zweiten Weltkrieg

Ohne auf die Motive und die Schuldfrage am Bombenkrieg eingehen zu wollen, welche allerdings in letzter Zeit – beispielsweise nach Erscheinen des Buches „Der Brand“ von Jörg Friedrich (1) – wieder vermehrt diskutiert wird, sollen die Folgen des Bombenkrieges in Deutschland kurz dargestellt werden. In Ihm starben alleine in Deutschland zwischen 320.000 und 600.000 Menschen (2) und obzwar die menschlichen Verluste (auch unter den Besatzungen der alliierten Bomber) tragisch sind, stehen in diesem Text die städtebaulichen Folgen im Vordergrund.

Eine genaue Analyse der Ziele und Ergebnisse der Bombardierungen durch die Alliierten im Einzelnen ist wohl nicht ohne weiteres möglich, doch lassen sich Grundzüge erkennen: „Fast alle deutschen Großstädte, die Mehrzahl der Mittel- und auch eine große Anzahl von Kleinstädten“ (3) wurden angegriffen. Dabei wurde in der Regel vor allem der historisch wertvollste Teil, also der Altstadtkern, der Städte vernichtet. Als Beispiele könnten die bedeutenden Fachwerkstädte Frankfurt, Nürnberg, Kassel und Braunschweig genannt werden.

Im Verlauf des Bombenkriegs und direkter Kampfhandlungen wurden allein auf westdeutschem Gebiet 431.000 Wohngebäude total zerstört, ca. 311 Mio. Kubikmeter Trümmerschutt fielen an. (4) Am Ende waren Ca. 20 % aller Baudenkmäler durch Bombenkrieg und Kriegshandlungen zerstört (5), wobei hier ein enger Denkmalbegriff zugrunde liegt; zweifelsohne annähernd schwer wiegt der Verlust der nicht als Denkmale eingestuften historischen Gebäude der Altstädte.

Erst spät wurde mit der detaillierten Auswertung und Zusammenfassung der Schäden und der Vernichtung bei Denkmalen begonnen. Die erste komplette Dokumentation über die Situation in der DDR entstand mit „Schicksale deutscher Baudenkmale im Zweiten Weltkrieg“ von Götz und Eckardt erst 1980 und für die BRD mit „Kriegsschicksale deutscher Architektur“ von Hartwig Beseler und Niels Gutschow erst 1988. Diese umfangreichen Dokumentationen belegen spät, aber eindringlich, den großen Verlust von Baukultur.

Obwohl im Zusammenhang mit dem Thema „Bombenkrieg“ in den Medien fast immer Dresden im Zentrum der Aufmerksamkeit steht, sollte nicht vergessen werden, dass fast alle deutschen größeren Städte betroffen waren und ihr Stadtbild dabei häufig nahezu vollständig der Vernichtung preisgegeben wurde. Das städtebauliche Erbe, die gebaute Geschichte, war vielfach in Trümmer gesunken.

 

2. Nachkriegsstädtebau und politisch gewollte Abrisse

1975 provozierte der damalige Bundespräsident Walter Scheel mit seiner Äußerung über den Wiederaufbau nach dem Krieg, dass nämlich „[in] Deutschland nach dem Kriege mehr Schutzwürdiges zerstört worden [sei] als während des Krieges“ (6), die deutsche Öffentlichkeit.
Zwar lässt sich der Inhalt dieser Aussage nicht mit Zahlen belegen (7), dennoch wird in dieser Ansicht die Enttäuschung der Bevölkerung über die Nachkriegsentwicklung im Städtebau deutlich, die gefühlte Absenz von Geschichte. Hierbei kann zum einen der nicht erfolgte Wiederaufbau zerstörter oder nur beschädigter Gebäude angebracht werden, zum anderen die bewussten Abrisse historischer Bausubstanz.

Beim Wiederaufbau beschädigter Gebäude und dabei vor allem bei Denkmalen gab es mehrere Grundmuster des Wiederaufbaus: „die naive Wiederherstellung“ (8), welche zum Teil nicht sehr präzise war, die „archäologische Rekonstruktion“, bei der ein früherer Zustand der Gebäude möglchst exakt hergestellt wurde, den „Purismus“, welcher starke Vereinfachungen bei Ausstattung und Stuck hinterließ, und die „Einbeziehung der Moderne“, welche vorhandene Reste der historischen Bausubstanz mit modernen Elementen vermischt. (9) Einige dieser Grundmuster führt offensichtlich dazu, dass auch noch vorhandene Gebäude häufig nicht ihre historische Identität bewahren konnten.
Hinzu kommen Abrisse von wiederaufbaufähigen Ruinen aus vorgegebenen finanziellen Gründen. Hierzu zählen neben nicht denkmalgeschützter profaner Architektur auch wichtige Baudenkmale wie zum Beispiel das Braunschweiger Schloss (10) oder das Dortmunder Rathaus. Im weiteren wurden noch politisch orientierte Abrisse vollzogen, vor allem in der ehemaligen DDR, wie das Berliner Schloss, das Potsdamer Schloss, die Potsdamer Garnisonkirche sowie die Paulinerkirche in Leipzig. Durch diese Abrisse beseitigte man die Symbole des Staates Preußen, welcher infolge der herrschenden Ideologie verachtet wurde, beziehungsweise die Symbole der geistlichen Macht.

Zwar lässt sich die städtebauliche Entwicklung in Deutschland nicht überall sinnvoll miteinander vergleichen, da jede Stadt unterschiedlich stark beschädigt war, die Mittel voneinander abwichen und jede ihre eigenen Entscheidungen getroffen hat (gerade in der DDR gab es starke Abweichungen gegenüber der Bundesrepublik), doch es lassen sich gewisse Grundlinien der Städtebaus sowie des Wiederaufbaus beschreiben.
Wichtig in der Nachkriegszeit waren, neben dem Umgang mit Denkmalen und vorhandenen Altbauten, die Neubauten in den Innenstädten sowie die Verkehrspolitik. Als oberstes Ziel galt in den ersten Nachkriegsjahren zumeist eine schnelle und günstige Herstellung von Wohnraum, da einerseits durch den Bombenkrieg das Angebot an Wohnraum stark gesunken war, und zum anderen gerade in Westdeutschland durch Vertriebene und Flüchtlinge der Bedarf stark erhöht war. (11)
Von Ausnahmen wie Münster oder Nürnberg abgesehen, erfolgte der Aufbau auf den Grundstücken der zerstörten Vorkriegsbebauung häufig nicht der historischen Parzellenstruktur oder der historischen Gestalt entsprechend, sondern ließ einen klaren Wandel in der architektonischen Gestaltung in Richtung „Bauhaus“ erkennen. Zudem wurden in vielen Städten nicht die historischen Straßenzüge beibehalten, da die engen Gassen der Vorkriegszeit schon im Bombenkrieg eine Gefahr dargestellt hatten. Man wollte luftiger und freier mit weniger dichter Bebauung und mehr Grünfläche bauen. (12) Dies geschah zudem meist in sehr schlichter, einfacher Bauweise, die häufig keine Bezüge zu traditionellen oder regionalen Baustilen aufwies. Auch die Parzellenstruktur der Grundstücke wurde vielfach verändert und so eine kleinteilige Bebauung verhindert. Folge waren zum Beispiel große Warenhäuser anstelle der vormaligen kleinteiligen Bebauung. Pläne dafür gab es häufig schon während des Krieges für den Fall eines Wiederaufbaus nach einem möglichen deutschen Sieg (13). Nicht selten holte man in den Ämtern genau diese alten Pläne wieder aus der Schublade (und realiserte damit nationalsozialistische Städteplanung im Gewand der "Moderne").
Der Nachkriegsstädtebau hat zudem das typische Merkmal der „autogerechten Stadt“ (14) in den Vordergrund gerückt. Im Zuge des „Charta von Athen“ setzte man zunehmend auf die räumliche Trennung der Funktionen wie Versorgen, Wohnen und Arbeiten (15). Dies hat zur Folge, dass sich das Verkehrsaufkommen stark erhöhte. Häufig wurden dabei Schneisen für breite Straßenzüge in die Altstädte geschlagen und weitere historische Bebauung zerstört. (16)

Weitere Zerstörungen fanden im Rahmen von so genannten Flächensanierungen in den 1960-er und 1970-er Jahren statt, als gerade in der Bundesrepublik viele noch vorhandene Gründerzeitwohnviertel und Altstadtbereiche abgerissen wurden, um die Wohnqualität zu steigern. Die Flächen wurden daraufhin zum Teil mit Hochhäusern bebaut oder als Grünfläche hergerichtet (17). Desweiteren wurden in vielen Städten die Fassaden gründerzeitlicher Altbauten entstuckt, und so ihres historischen Bildes beraubt.

Eine spätere Entwicklung waren sowohl einfache Plattenbauten (18), als auch in der Bundesrepublik ausgedehnte Einfamilienhausviertel, die zu einer ernormen Zersiedlung führten. Diese Entwicklungen hatten zur Folge, dass in den 1980-er Jahren auf dem Gebiet der damaligen Bundesrepublik lediglich etwa ein Drittel der Bebauung aus der Vorkriegszeit stammte. (19) Erst mit dem Denkmalschutzjahr 1975 begann in Westdeutschland ein Umdenken und ein vermehrter Schutz von historischen Gebäuden. (20)

Dieser grobe Überblick lässt erkennen, dass die historische Stadtstruktur der deutschen Städte sowie ihre einzelnen Gebäude durch Krieg und Wiederaufbau zu einem großen Teil vernichtet wurden. Zwar hat es nach Zerstörungen durch Kriege immer wieder Neuaufbauten im Stil der jeweiligen Epoche gegeben, jedoch ist diese umfangreiche Zerstörung und Umgestaltung in und nach dem Zweiten Weltkrieg eine einmalige historische Zäsur. (21)

Es kann demnach konstatiert werden, dass durch Kriegszerstörung und Wiederaufbau ein hoher Anteil der historischen Städte ausgelöscht wurde und dieses zu einem Verlust von Identität geführt hat. Diese große Menge an Vernichtung ist die unabdingbare Voraussetzung für den Wunsch nach Wiederkehr der historischen Identität der Städte durch Rekonstruktionen und Stadtreparatur.

 

Literatur:

(1) vgl. Friedrich, Jörg: Der Brand. Berlin: List 2004
(2) vgl. Beseler, Hartwig u. Gutschow: Kriegsschicksale deutscher Architektur. Neumünster:
1988, S. IX
(3) Kriegszerstörung und Wiederaufbau deutscher Städte. Geographische Studien zu Schadensausmaß und Bevölkerungsschutz im Zweiten Weltkrieg. Hrsg. von Josef Nipper, Manfrd Nutz. Köln: 1993, S. 3
(4) vgl. Beseler, H.: Kriegsschicksale deutscher Architektur, S. XII
(5) vgl. Beseler, H.: Kriegsschicksale deutscher Architektur, S. XII
(6) Beseler, H.: Kriegsschicksale deutscher Architektur, S. IX
(7) vgl. Beseler, H.: Kriegsschicksale deutscher Architektur , S. IX
(8) Beseler, H.: Kriegsschicksale deutscher Architektur, S. XXV
(9) vgl. Beseler, H.: Kriegsschicksale deutscher Architektur, S. XXV ff.
(10) vgl. Beseler, H.: Kriegsschicksale deutscher Architektur, S. XXXVII
(11) vgl. Neue Städte aus Ruinen: Deutscher Städtebau in der Nachkriegszeit. Hrsg. von Klaus von Beyne, Werner Durth. München: Prestel Verlag 1992, S. 25
(12) vgl. Neue Städte aus Ruinen: Deutscher Städtebau in der Nachkriegszeit, S. 17
(13) vgl. Neue Städte aus Ruinen: Deutscher Städtebau in der Nachkriegszeit, S. 21
(14) Neue Städte aus Ruinen: Deutscher Städtebau in der Nachkriegszeit, S. 25
(15) vgl. Beseler, H.: Kriegsschicksale deutscher Architektur, S. XLIX
(16) vgl. Neue Städte aus Ruinen: Deutscher Städtebau in der Nachkriegszeit, S. 25
(17) vgl. Neue Städte aus Ruinen: Deutscher Städtebau in der Nachkriegszeit, S. 25
(18) vgl. Neue Städte aus Ruinen: Deutscher Städtebau in der Nachkriegszeit, S. 15
(19) vgl. Beseler, H.: Kriegsschicksale deutscher Architektur, S. XXXVII
(20) vgl. Beseler, H.: Kriegsschicksale deutscher Architektur, S. XXXVIII
(21) vgl. Kriegszerstörung und Wiederaufbau deutscher Städte, S. 3


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