Die Wiedergewinnung der Städte
„Soll man rekonstruieren? Ich muss die Frage rückhaltlos
bejahen. Vielleicht ist die Zahl der Menschen in Deutschland
wie außerhalb heute noch nicht so sehr groß,
welche vorauszusehen vermögen, als welch vitaler Verlust,
als welch trauriger Krankheitsherd sich die Zerstörung
der historischen Stätten erweisen wird. Es ist damit
nicht nur eine Menge hoher Werte an Tradition, an Schönheit,
an Objekten der Liebe und Pietät zerstört: Es
ist auch die Seelenwelt dieser Nachkommen einer Substanz
beraubt, ohne welche der Mensch zwar zur Not leben, aber
nur ein hundertfach beschnittenes, verkümmertes Leben
führen kann.“ (Hermann Hesse)
Jene Nachkommen, von denen Hermann Hesse in seinem leidenschaftlichen Plädoyer für die Rekonstruktion des Goethe-Hauses gesprochen hat, sind wir alle, die wir heute in diesem Land leben. Wir sind es, die jenes hundertfach beschnittene Leben in seelenlosen, ihrer Geschichte beraubten Städten zu führen verdammt sind.
Wer über die Rekonstruktion zerstörter Bauwerke
redet, der muß die besondere Situation Deutschlands
in den Blick nehmen. Durch den alliierten Bombenkrieg
wurden in den Jahren von 1943 bis 1945 in Deutschland die
Altstädte praktisch aller größerer Städte,
ebenso wie die zahlloser kleinerer Städte ausgelöscht.
Darunter waren einzigartige Stadtbilder wie die von Nürnberg,
Dresden, Frankfurt, Kassel, Mainz, Würzburg, Köln
oder Braunschweig. Jedes einzelne der zehntausenden Häuser
aus Mittelalter, Renaissance und Barock, die dabei oft
in wenigen Minuten vernichtet wurden, stünde heute
wohl unter Denkmalschutz.
Zwar wurden in der ersten Wiederaufbauphase nach dem Krieg
in den meisten Städten historisch oder künstlerisch
bedeutende Einzelbauten wiedererrichtet. Diese Bauten bleiben
aber Solitäre in einer ihnen fremdgewordenen Umgebung,
einem Meer von Nachkriegsbauten. Das aber, was die alten
Städte ausmachte, waren gerade nicht die bedeutenden
Einzelbauten, sondern das labyrinthische Geflecht der engen
Straßen, der jäh sich im Gewirr der Gassen öffnenden
Plätze, der dunklen Winkel, der Höfe mit ihren überraschenden
Einblicken, der Straßenführungen mit ihren zahllosen
points de vue. Die Atmosphäre der alten Stadt lebte
nicht in einzelnen Prachtbauten oder Kirchen, sondern im
Zusammenspiel jener Prachtbauten mit den zahllosen einfachen
Häusern und verwinkelten Gassen, die sie miteinander
verbanden und so erst die Struktur der Stadt bildeten.
So wie Florenz, wäre es zerstört worden und hätte
man nur die Kirchen, die Uffizien und den Palazzo Vecchio
wiederaufgebaut, den Rest aber mit Neubauten aufgefüllt,
nicht mehr Florenz wäre, so ist Nürnberg seit
dem Krieg nicht mehr Nürnberg, Frankfurt nicht mehr
Frankfurt, Dresden nicht mehr Dresden, Würzburg nicht
mehr Würzburg.
|
|
|
Wenn viele Menschen entschieden für die Rekonstruktion der zerstörten Städte eintreten, so ist dies nur vor dem Hintergrund der Ausnahmesituation verständlich zu machen, die der Bombenkrieg in Deutschland geschaffen hat. Zwar ist es immer wieder vorgekommen, daß einzelne Gebäude oder Viertel einer Stadt zerstört wurden, in seltenen Fällen wurde auch eine ganze Stadt zerstört, aber bis in die 40'er Jahre des 20. Jahrhunderts ist es nie vorgekommen, daß systematisch fast alle größeren Städte eines Landes ausgelöscht wurden. Nie zuvor wurde eine ganze Nation aus ihrer Geschichte herausgebombt, nie zuvor eine der großen europäischen Stadtlandschaften so gründlich ausgelöscht. Als, wie Jörg Friedrich schrieb, 1940 bis 1945 bis auf wenige Ausnahmen alle deutschen Städte mit einem Male zerstört wurden, da „ist eine Brücke eingebrochen zu einer Landschaft, die es nicht mehr gibt.“ Diese Brücke wieder zu errichten, ist das Anliegen, dem die Rekonstruktion vernichteter Bauten gilt. Die Rekonstruktion zerstörter Bauten richtet sich darum auch nicht gegen die Moderne. Richtig verstanden steht sie nicht, wie ihr von Journalisten und zeitgenössischen Architekten oft unterstellt wird, gegen die Anwesenheit des Neuen in unseren Städten, sondern gegen die Abwesenheit des Alten, der steingewordenen, in Bauten sedimentierten Geschichte. Das Problem, auf das Rekonstruktionen antworten, ist darum auch nicht in erster Linie die tatsächliche oder vermeintliche Häßlichkeit modernen Bauens, sondern das Fehlen der Geschichtstiefe in unseren Städten. Dieses Problem läßt sich nicht, wie zuweilen vorgeschlagen, dadurch lösen, daß man wieder „schöner“ oder anspruchsvoller zu bauen begänne. Kein Neubau, wäre er noch so schön und gelungen, kann das Fehlen der Vergangenheit, kann die Geschichtslosigkeit der Nachkriegsstädte heilen – das vermag nur die Wiedergewinnung des Vernichteten durch Rekonstruktion. Denn gewiß werden jene Nachkriegsstädte in zwei- oder dreihundert Jahren auch wieder eine Geschichte haben, ja sie haben sie bereits jetzt wieder. Es wird ihnen aber, wenn das im Krieg Vernichtete bis dahin nicht wiedererrichtet sein sollte, immer noch der größte Teil ihrer gebauten Geschichte, jene alteuropäische Trias aus mittelalterlicher, Renaissance- und Barockarchitektur, fehlen. Frankfurts Geschichte, um noch einmal dieses Beispiel zu bemühen, begann eben nicht im April 1944, sondern im 8. Jahrhundert n. Chr. Und das, was zwischen dem 8. Jahrhundert und 1944 geschah, macht seine eigentliche Identität aus. So ist es denn nicht verwunderlich, daß die Rekonstruktion von im Krieg oder in der Nachkriegszeit zerstörten Bauten in der Bevölkerung meist breite Zustimmung findet. In krassem Gegensatz dazu steht aber die heftige, oft wütende Ablehnung, auf die Rekonstruktionen bei zahlreichen Architekten, Architekturtheoretikern und Denkmalschützern stoßen. Rekonstruktionen, so lautet der Vorwurf, seien gebaute Lügen und bloße Kopien. Ihre Verfechter seien hoffnungslose Nostalgiker, die die Geschichte ungeschehen machen wollte. Schließlich sei auch die Zerstörung der Vergangenheit selbst ein Teil der „Geschichte“ gewesen, den es anzunehmen gelte. Das Zerstörte sei unwiederbringlich verloren. Ein rekonstruiertes Gebäude dagegen sei nicht „authentisch“, kein Dokument der vergangenen Zeit. Hatte nicht schon der Begründer des wissenschaftlichen Denkmalschutz-Gedankens, Georg Dehio, gelehrt, man dürfe nur konservieren, nie restaurieren?! |
Ein solcher am Materiellen festgemachter Authentizitätsbegriff wurzelt im 19. Jahrhundert und ist anderen Kulturen ebenso fremd wie anderen Epochen der europäischen Geschichte. So kennt die japanische Kultur z.B. Rituale, bei denen Tempel in einem festgelegten Zyklus von Jahren immer wieder zerstört und dann exakt wiederaufgebaut werden, um so den Gott, dem der Tempel geweiht ist, symbolisch zu verjüngen. Niemand käme hier auf die Idee, der wiedererrichtete Tempel sei „unauthentisch“. Auch für das europäische Denken war die Materialität eines Bauwerks über die längste Zeit irrelevant. Seit der Antike galt ihm der Entwurf, die „Idee“ eines Dinges als das, was dessen Sein eigentlich ausmacht. Die Materie, in der die konkrete Ausführung erfolgte, war dagegen unwesentlich. So konnte ein Plan problemlos mehrfach realisiert werden, ohne daß die neuerlichen Realisierungen darum als „unauthentisch“ betrachtet worden wären. Erst mit dem Christentum kam der Gedanke in die Welt, nicht die Idee einer Sache sei das Wesentliche an ihr, sondern die jeweilige ganz konkrete individuelle und endliche Manifestation in einer bestimmten Materie. Das mündete bereits im Umgang mit Heiligenreliquien in einen richtiggehenden Kult des Materiellen. Mit der Romantik wurde jener christliche Begriff von Individualität, Unwiederholbarkeit und Endlichkeit, der als begriffliches Erfassen der menschlichen Existenz vollauf berechtigt ist, dann schließlich nicht mehr nur auf Menschen, sondern auch auf Gebäude, Kunstwerke usw. angewandt. Die Rekonstruktion eines zerstörten Gebäudes muß diesem Denken folglich fast zwangsläufig als der illegitime Versuch erscheinen, sich gegen Endlichkeit und Vergänglichkeit, aber auch gegen Individualität zu stellen. In einem verräterischen Sprachgebrauch bezeichnete Dehio den Wiederaufbau zerstörter Gebäude denn auch gelegentlich als „pietätlos“. Angesichts der ohne Frage gegebenen Möglichkeit, den Entwurf eines Bauwerks erneut auszuführen, ist diese romantische Übertragung des christlichen Individualitätsgedankens auf Gegenstände und Bauwerke freilich mehr als zweifelhaft. Das, was ein Gebäudes oder eine ganze Stadt ausmacht, wohnt nicht in den Steinen und Balken, nicht in den Atomen und Molekülen seiner Materie, sondern in seiner Struktur und Gestalt. Gerade bei bedeutenden, häufig restaurierten Gebäuden ist auch ohne Zerstörung ein beträchtlicher Teil des Materials, aus dem sie heute bestehen, nicht mehr „original“ aus der Entstehungszeit, ohne daß diese Bauten dadurch „unauthentisch“ würden. Angemessener erscheint es daher, Bauwerke als Verkörperungen des Geistes einer Epoche, einer Region oder eines Baumeisters zu begreifen, die als solche jederzeit mit anderer Materie erneut verkörpert werden können. Aber auch wenn man dem nicht folgen wollte, so bliebe im christlichen Denken selbst ein gewichtiger Anknüpfungspunkt für den Rekonstruktionsgedanken – ein Anknüpfungspunkt, der sogar den Glutkern des Christentums ausmacht: das Motiv der Auferstehung. In diesem Sinn muß die Rekonstruktion letztlich gedacht werden – nicht als Kopie oder Imitat eines vernichteten Bauwerks, sondern als dessen leibliche Auferstehung aus der Hölle des Nichts, in das Bomben und Abriss es geworfen hatten. |
|
|
Bleibt der Einwand, eine Rekonstruktion zerstörter Gebäude dürfe
nicht erfolgen, da auch deren Zerstörung „Teil der Geschichte“ und ihre
Rekonstruktion eine „Verfälschung von Geschichte“ sei. Rekonstruktionen,
so heißt es, gaukelten vor, das rekonstruierte Gebäude sei nie zerstört
worden; das aber sei nicht hinzunehmen. An diesen Einwand ist allerdings die
Frage zu stellen, was an jenem Eindruck, wenn er denn erweckt wird, eigentlich
problematisch wäre. Der Vorwurf nämlich unterstellt offensichtlich,
daß es in irgendeiner Weise „unmoralisch“ wäre, wenn dieser Eindruck
entstünde oder wenn das rekonstruierte Gebäude im Bewußtsein
der Menschen in seiner tieferen Identität mit dem zerstörten Gebäude
wahrgenommen wird. Worin diese „Amoralität“ aber eigentlich bestehen soll,
bleibt meistens unklar.
Darin jedenfalls, daß die Geschichte selbst „gefälscht“ würde, kann sie nicht bestehen. Der Vorwurf einer vermeintlichen „Geschichtsfälschung“ ist entweder unsinnig oder unrichtig. Unsinnig insofern, als die Geschichte als solche so war, wie sie eben war. Geschichte als solche kann mithin gar nicht "gefälscht" werden, denn geschichtliche Ereignisse liegen in der Vergangenheit und können von uns gar nicht mehr beeinflußt werden, selbst wenn wir das noch so sehnlichst wünschen. Verfälscht werden können insofern höchstens Aussagen über die Geschichte. Das einzige, was an Rekonstruktionen zerstörter Gebäude also eine „Fälschung“ sein könnte, wäre die Behauptung, das betreffende Gebäude sei nie zerstört gewesen. Auch durch eine Rekonstruktion bleibt aber das Wissen erhalten, daß das rekonstruierte Bauwerk zerstört war und wiederaufgebaut wurde. Der moralische Vorwurf einer „Lüge“ könnte daher einzig und allein an jene Behauptung gerichtet werden, das Gebäude sei nicht zerstört gewesen - eine Behauptung, die freilich niemand ernsthaft vertreten wird. Der moralische Vorwurf gegen Rekonstruktionen läuft auf dieser Ebene mithin völlig ins Leere, ist nicht viel mehr das Einprügeln auf einen selbstgebastelten Popanz. |
Tatsächlich scheint die Unterstellung, Rekonstruktionen seien „unmoralisch“ nicht
so sehr aus dem Vorwurf der Lüge zu resultieren, sondern aus einer spezifischen „Moralisierung“ der
Geschichte selbst. Diese Moralisierung wird in der Aussage greifbar, die
Zerstörung von Bauwerken und Städten sei selbst „Teil der Geschichte“ und
daher zu respektieren. Rekonstruktionen wären demnach „unmoralisch“,
weil sie die Geschichte nicht in dem Verlauf akzeptierten, den sie faktisch
genommen hat. Dabei gibt es eine besondere Variante der „moralischen“ Aufladung
geschichtlicher Ereignisse und Dokumente, die sich in dieser Form nur
in Deutschland findet. Der Bombenkrieg, so wird hier oft argumentiert,
sei eine „Folge“ des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen
gewesen. Im Bombenkrieg zerstörte Städte und Bauwerke wiederaufzubauen
bedeute daher, den Nationalsozialismus zu leugnen und die Geschichte
zu beschönigen.
Vordergründig betrachtet scheint dieses „Argument“ darauf abzuheben, daß die weitgehende Geschichtslosigkeit der deutschen Städte als Erinnerung an den Nationalsozialismus bewahrt werden müßte. Nun wird allerdings kaum jemand behaupten wollen, die Erinnerung an den Nationalsozialismus und seine Verbrechen sei allen Ernstes darauf angewiesen, daß den deutschen Städten ihre steingewordene alteuropäische Geschichte fehlt. Wenn das der Fall wäre, so wäre es in der Tat ein Armutszeugnis für das deutsche Bildungswesen. Die Erinnerung an den Nationalsozialismus kann auch und gerade auf andere Weise bewahrt werden als durch die Geschichtsleere der Städte, zumal ohnehin nur die wenigsten Deutschen um die Gründe dieser Geschichtsleere wissen. Vor diesem Hintergrund drängt sich der Eindruck auf, daß es sich bei dem Argument, der Verzicht auf Rekonstruktionen sei moralisch geboten, um an den Nationalsozialismus zu erinnern, lediglich um die dürftige Rationalisierung von etwas anderem handelt. In Wirklichkeit scheint es nämlich, wie viele Äußerungen von Rekonstruktionsgegnern vermuten lassen, bewußt oder unbewußt darum zu gehen, die Geschichtslosigkeit unserer Städte als Strafe oder Sühne für den Nationalsozialismus festzuschreiben. Da der Bombenkrieg, so diese Denkweise, die Folge des Nationalsozialismus war, haben „die Deutschen“ sie sich selbst zuzuschreiben und als gerechte Strafe zu akzeptieren. Jede Rekonstruktion muß diesem Denken daher als ein illegitimer Widerstand gegen die „verdiente Strafe“, als ein unmoralisches Nicht-Antreten-Wollen dieser Strafe oder als Verweigerung der Sühneleistung erscheinen. Wenn Rekonstruktionen nirgendwo anders auf so heftigen und zugleich irrationalen Widerstand treffen wie in Deutschland, wenn die Gegner von Rekonstruktionen nirgendwo anders so erbittert an widersprüchlichen und längst widerlegten Dogmen festhalten, dann dürfte das seinen eigentlichen Grund in dieser oft nur halbbewußten Vorstellung haben, „die Deutschen“ müssten für den Nationalsozialismus bis in alle Ewigkeit für immer durch den Verlust ihrer gebauten Geschichte sühnen.Tatsächlich ist an dieser Denkweise aber alles falsch. Das gilt zum einen für die Auffassung, der Bombenkrieg gegen die deutsche Zivilbevölkerung sei eine „Folge“ des Nationalsozialismus gewesen. Gegen die pseudowissenschaftliche Rede von „Ursache“ und „Wirkung“ bzw. „Folge“ ist nämlich auf der simplen Tatsache zu beharren, dass die, die Bombenangriffe gegen die Zivilbevölkerung und gegen Kulturgüter beschlossen, angeordnet und durchgeführt haben, ebensogut hätten entscheiden können, das nicht zu tun. Diejenigen Luftangriffe, die nicht auf die Zerstörung von industriellen und militärischen Anlagen abzielten, sondern wie im Falle der meisten britischen Bombardements vorsätzlich und wissentlich auf die – militärisch selbstverständlich sinnlose – Tötung von Zivilisten und auf die Vernichtung von Kulturgütern, waren keine „höhere Gerechtigkeit“, sondern moralisch höchst fragwürdige Handlungen, die die Politiker, die sie zu verantworten haben, auch hätten unterbleiben lassen können. Sie dennoch zu begehen war ihre eigene bewußte Entscheidung und mithin war auch nichts anderes die „Ursache“ jener Verbrechen als genau diese Entscheidung. Die Zerstörung der deutschen Städte war also nicht „Folge des Nationalsozialismus“, sondern Folge der in aller Freiheit getroffenen Entscheidung der britischen Verantwortlichen, das Verbrechen eines zu großen Teilen gegen Zivilisten gerichteten Bombenkriegs zu begehen. Für den Bereich menschlichen Handelns sind nicht Ursache und Wirkung die leitenden Kategorien, sondern Freiheit und Verantwortung, und wer das leugnet, der negiert letztlich Moralität und Humanität selbst. Bezieht man im übrigen diese Einsicht auf das oben referierte Argument zurück, die Geschichtslosigkeit der deutschen Städte sei aufgrund ihres Erinnerungswertes festzuschreiben, so wäre die Geschichtslosigkeit streng genommen ohnehin nicht Mahnmal für den Nationalsozialismus, sondern könnte allenfalls als Mahnmal für den alliierten Luftkriegs dienen. Ebenso abwegig wie die Rede von Verbrechen als unpersönlicher „Folge“ vorangegangener Handlungen ist zum anderen die Vorstellung, die Abwesenheit steingewordener Geschichte in den deutschen Städten müsse sozusagen als „gerechte Strafe“ akzeptiert werden. Strafe ist nur dann gerecht, wenn sie den Individuen gilt, die sich persönlich des Verbrechens schuldig gemacht haben, für das sie bestraft werden. Die Geschichtslosigkeit unserer Städte trifft aber schon heute praktisch nur noch Menschen, die an den Verbrechen des Nationalsozialismus keinerlei Schuld haben. Es ist in keiner Weise nachvollziehbar, warum ein Individuum, das sich in keiner Weise schuldig gemacht hat, für Verbrechen bestraft werden oder sühnen sollte, die andere Menschen Jahrzehnte vor seiner Geburt begangen haben. Und warum es dann auch noch unmoralisch sein sollte, gegen eine solche ungerechte Strafe Widerstand zu leisten, ist gänzlich unsinnig, es sei denn, man würde von dem ebenso abstrusen wie zutiefst barbarischen Konstrukt einer gleichsam vererbbaren "Nationalschuld" ausgehen. Wendet man sich von dieser spezifisch deutschen Problematik wieder der grundsätzlichen Frage nach der „moralischen Legitimität“ von Rekonstruktionen zu, so kommt es entscheidend auf den zugrundeliegenden Geschichtsbegriff an. Das Verständnis von "Geschichte" nämlich, auf dem die in Fachkreisen nach wie vor verbreitete Ablehnung von Rekonstruktionen beruht, ist das einer bloßen Abfolge von Ereignissen, die nicht gewertet werden dürfen, nicht geschichtsphilosophisch interpretiert und nicht nach wesentlichen und unwesentlichen Ereignissen oder Phänomenen unterschieden werden dürfen. Herausgebildet hat sich ein solches Geschichtsverständnis mit der Konstituierung der modernen Geschichtswissenschaft im späten 19. Jahrhundert. Es bezieht sein Selbstverständnis trotz der daran angeknüpften "Moralisierung" paradoxerweise aus dem positivistischen-empiristischen Ansatz der modernen Naturwissenschaften. Als der positivistisch-empiristische Geschichtsbegriff dann dem Denkmalschutz zugrunde gelegt wurde, hieß das, daß nicht nur jedes Ereignis so zu akzeptieren war, wie es sich ereignet hatte, sondern auch jedes „Ergebnis“ von Ereignissen genauso als „geschichtliches Dokument“ zu konservieren war, wie es sich ergeben hatte. Andrzej Tomazewskij beschreibt die darauf aufbauende Doktrin folgendermaßen: „Eine derartig doktrinäre Einstellung hatte zwei Dimensionen. Die erstere, engere, über alle Maßen richtig und die bis auf den heutigen Tag nicht in Frage gestellt wird, war das Gebot des weitgehendsten Schutzes der historischen Substanz überall dort, wo dies nur möglich war. Dieses Gebot untersagte deren Zerstörung und Beschädigung bei denkmalpflegerischen Arbeiten. Die zweite Dimension – etwas weiter aufgefasst und über die Denkmalpflege hinausgehend, aber maßgebend auf die Bereiche Ästhetik und moderne Kulturpolitik übergreifend – war das Verbot jeglichen Wiederaufbaus der durch Katastrophen zerstörten Denkmäler, da dies als Geschichtsfälschung galt. Unmerklich wurde das Wiederaufbauverbot zur Hauptlosung der neuen Doktrin.“ |
Das Beharren auf der Ereignisgeschichte führt sich so selbst ad absurdum: es muß die Rekonstruktion kriegszerstörter Gebäude als „unauthentisch“ bekämpfen, solange die Rekonstruktion noch nicht stattgefunden hat. Sobald sie aber stattgefunden hat, muß es sie aufgrund genau desselben Authentizitäts-Gedankens, aufgrund dessen es sie eben noch bekämpfen mußte, als „authentisches“ Ergebnis geschichtlicher Ereignisse begreifen und zu erhalten trachten. Würde man den so verstandenen Authentizitäts-Gedanken konsequent zu Ende denken, so hätte nach dem Krieg überhaupt nichts wiederaufgebaut werden dürfen, weder in moderner Form, noch in Form von Rekonstruktionen. Denn die Ruinen der Städte waren schließlich nichts weniger als die authentischen „Ergebnisse“ des Luftkriegs und hätten folglich als historische „Dokumente“ genau so erhalten werden müssen, wie die Bombenangriffe sie hinterlassen hatten. Diese Folgerung ist zweifellos abstrus, es offenbart sich in ihr aber nur die Abstrusität des Ausgangspunktes. |
|
|
Der Einwand, die Kriegszerstörungen seien selbst „Geschichte“ ist mithin
zwar richtig, führt zu der Konsequenz, man dürfe nicht rekonstruieren
aber nur dann, wenn man ein positivistisch verkürztes und einseitig ereignisgeschichtlich
orientiertes Geschichtsverständnis zugrunde legt. Tatsächlich ist
Geschichte aber nicht einfach nur einen Kette von Ereignissen, sondern die wesenhafte
Abfolge von Epochen und Manifestationen des Geistes. Das ist es, was an der
Geschichte zu respektieren und zu achten ist: Geschichte als Geistes- und Kulturgeschichte.
Die zufällige, blinde, von Haß geleitete Zerstörung eines Bauwerks
oder einer Stadt ist dagegen unwesentlich. Sie verdient nicht den geringsten
Respekt und besitzt keinerlei moralische Dignität. Ja mehr noch: Alles,
was den Menschen zum Menschen macht, muß gegen eine solche Vergötzung
zufälliger Ereignisse sich auflehnen.
Zudem übersieht die positivistische Fixierung auf die Ereignisgeschichte, wie bereits angerissen, die geschichtliche Besonderheit der deutschen Nachkriegssituation. Die Bombenkriege gegen Deutschland und Japan waren historische Ereignisse, die in der Menschheitsgeschichte beispiellos sind: die größten Vernichtungen von Kulturgütern und Baudenkmälern, von kultureller und geschichtlicher Identität, die die Menschheit je erlebt hat, die fast vollständige Auslöschung der steingewordenen Geschichte zweier Länder. Das hat im Fall Deutschlands eine europäische Ausnahmesituation geschaffen. Mithin war der Bombenkrieg zwar ein „Teil der Geschichte“, aber er war ein Teil ganz besonderen Charakters: ein Ereignis der Geschichte, sicherlich, aber eines, das alle vorige, alle bis dahin gewesene Geschichte ausradierte – ein geschichtliches Ereignis also, das im Bruch mit der Geschichte bestand und insofern auch wieder mit einem Bein außerhalb aller Geschichte steht. Er war so in gewissem Sinn „Meta-Geschichte“, nämlich ein geschichtliches Ereignis, das sich negierend auf die Geschichte selbst bezogen hat. In dieser Hinsicht war er quasi das praktische Äquivalent zur theoretischen Moderne, deren Grundidee ebenfalls der Bruch mit aller Vergangenheit, Geschichte und Überlieferung war. Anders und einfacher gesagt: der Bombenkrieg war das geschichtliche Ereignis, das darin bestand, ein großes, allesvernichtendes „Nein“ zur Geschichte zu sagen – und damit ist er eben kein geschichtliches Ereignis wie irgendein anderes. Wenn wir das im Bombenkrieg Vernichtete rekonstruieren wollen, dann sagen wir folglich nicht „Nein“ zur Geschichte, sondern wir sagen „Nein“ zu jener Verneinung der Geschichte, die der Bombenkrieg war. Unserer Nein ist also ein „Nein zum Nein“, eine Negation der großen Geschichtsnegation und damit ein großes Ja, das wir jenem Nein, das wir dem Haß und der Zerstörung entgegensetzen. |
|
|
Darin liegt vielleicht die eigentliche Bestimmung unserer Generation, der Generation
der Nachgeborenen. Wenn jede Zeit und jede Generation ihre spezifischen Aufgaben
hat, so ist unsere Zeit vor eine gigantische doppelte Aufgabe gestellt: Einmal
gilt es, eine neue architektonische Sprache in der Krise von Moderne und Postmoderne
zu finden. Zugleich aber stehen wir, im Entsetzen über die beispiellose
Dimension des Verlustes, mit dem wir konfrontiert sind, vor der Aufgabe, die
ausgelöschte steingewordene Geschichte unserer Städte so weit wie
möglich
wiedererstehen zu lassen, deren Wiederaufbau unsere Väter und Großväter
aus eigentlich nur psychologisch erklärbaren Gründen fatalerweise
nicht geleistet haben.
Daß dieses Vorhaben einer ganz besonderen Tugend bedarf, die die Moderne dem Menschen - und insbesondere dem Architekten – beinahe systematisch ausgetrieben hat, ist wohl wahr. Die Tugend, von der hier die Rede ist, heißt Demut. Ein zerstörtes Gebäude zu rekonstruieren fordert nicht die Haltung des modernen Egomanen, der um jeden Preis vermeint, „originell“ sein zu müssen, sondern die Bescheidenheit des mittelalterlichen Kopisten, der ganz hinter seinem Werk zurücktritt. Insofern wäre die Rekonstruktion der Altstädte auch eine gute Übung in der fast ausgerotteten Tugend der Demut. Darum läuft auch, wie ein Gedankenexperiment zu verdeutlichen vermag, der Vorwurf des Unzeitgemäßen und Nostalgischen gänzlich ins Leere. Nehmen wir an, ein Wahnsinniger hätte den "David" von Michelangelo zertrümmert und ein Bildhauer erhielte den Auftrag, nach den vorhandenen Fotos und Vermessungen eine exakte Kopie herzustellen, damit spätere Generationen wenigstens im Abglanz der Kopie noch die Größe und Schönheit dieses Werkes bewundern können. Würde der beauftragte Bildhauer sich nun mit dem Argument weigern, das sei "unzeitgemäß", heutzutage könne man nicht mehr „im Stil der Renaissance bildhauern“, so hätte er damit zwar recht, er würde aber eigentlich nur zeigen, daß er den Sinn des an ihn ergangenen Auftrags überhaupt nicht verstanden hat. Denn der Sinn dieses Auftrags besteht ja gerade nicht darin, ein „zeitgemäßes“ Kunstwerk zu schaffen, sondern darin, ein durch Barbarei zerstörtes Kunstwerk der Renaissance im Abglanz einer Rekonstruktion wiedererstehen zu lassen. Um nichts anderes geht es auch bei der Rekonstruktion der ausradierten deutschen Altstädte. In ihr liegt für uns Nachgeborene die einzige und letzte Möglichkeit, mit einem Verlust von Identität und Geschichte umzugehen, der sonst nicht lebbar wäre. Wenn wir die Rekonstruktion zerstörter Bauten und Städte anstreben, so tun wir das im vollen Bewußtsein dessen, daß immer ein Rest bleiben wird, den keine Rekonstruktion je wird zurückbringen können. Die Orte aber, an denen die vernichteten Bauten unserer Städte einst standen, sind von ihrer Präsenz noch erfüllt – der Raum, in dem sie existierten, wartet darauf, sie wieder in sich aufzunehmen. |
Quellen/Bildnachweis: |
| (mr) |
